Böser Verdacht
Italiener glauben an "Waldbrand-Mafia"

Der Mann ist 63 Jahre alt, äußerlich etwas heruntergekommen, doch in der Tasche hat er 1000 Euro. „Ich hab' das Pinienwäldchen angesteckt, weil das alle tun“, soll der geistig nicht ganz klare Rentner der Polizei bei Ostia vor den Toren Roms gesagt haben. Doch viel mehr als dieses Geständnis interessiert die Fahnder die Frage, wer ihm das Geld zugesteckt haben könnte. Dass die derzeit zahlreichen Wald- und Buschbrände in Italien oft von Brandstiftern gelegt werden, ist für Experten längst ausgemacht. Die Frage lautet: Wer steckt dahinter?

HB/dpa ROM. „Hinter den Feuern steht die Ökomafia“, titelt die römische Zeitung „Il Messaggero“ am Montag. Experten sprechen von einer „Industrie der Waldbrände“, von einer „Waldbrand-Mafia“. Und von erheblichen wirtschaftlichen Interessen ist die Rede. Der neuste Verdacht geht in Richtung solcher Unternehmen und Organisationen, die nach den Flammen die Wiederaufforstung betreiben. Abfackeln, um danach neu anzupflanzen? Für Außenstehende kaum zu glauben.

Allein an der Ligurischen Küste brannte es dieses Jahr über 400 Mal, häufiger noch in der Toskana, und in Kalabrien züngelten und loderten die Flammen sogar fast 1200 Mal. Niemand glaubt da mehr an Selbstentzündung durch Hitze und Dürre. Seit Jahren, argwöhnen die Behörden, gehe es vor allem um neues Bauland, Mafia-Clans wollten ihr schmutziges Geld in neue Bauvorhaben investieren. Doch das scheint nur ein Teil des „Waldband-Krimis“ zu sein.

Den neuen Verdacht gegen die ganz andere Interessengruppe machte ein Carabinieri-Offizier publik. Er fasste erstmals öffentlich das „Geschäft der Wiederaufforstung“ ins Auge. Deren Umsatzvolumen wird derzeit auf sieben Millionen Euro im Jahr geschätzt. Auffallend sei es, dass es in letzter Zeit auch weit ab von Ortschaften mit möglichem Bauland brenne, hieß es.

„Das Geschäft hat einen Namen: Wiederaufforstung“, titelt eine römische Zeitung. Auch auf die Landwirtschaft fällt ein böser Schatten: Sie habe das Interesse, Agrarland auszuweiten. So seien es mitunter Bauern oder Schafzüchter, die zündelten. Doch vorsichtig fügen die Experten hinzu: „Noch handelt es sich um einen Verdacht.“

Schon vor zwei Jahren hieß es bei schweren Feuern in Süditalien, die Brände seien von Arbeitslosen gelegt worden, die auf einen Job bei der Aufforstung hofften. Die Täter hätten nicht nur die Flammen entfacht, sondern auch die Feuerwehr am Löschen gehindert. Um Löschzüge aufzuhalten, hätten sie Nagel-Bretter auf die Straße gelegt. Heute warnt Fabio Renzi, ein Sprecher der Umweltorganisation Legambiente: „Man muss bei der Auftragsvergabe zur Wiederaufforstung aufpassen, dass sich Unternehmen nicht durch Verträge mit Kommunen oder Regionen bereichern.“

„Wir investieren immer mehr in die Bekämpfung, statt in die Vorbeugung von Bränden“, moniert ein anderer Umweltschützer. Auch das sei nicht unbedingt Zufall, mutmaßt er: „Der Notstand der Waldbrände ist in Wirklichkeit ein großes Geschäft.“ Nur über eines herrscht unter Experten in Italien Einigkeit: Die „kleinen Fische der Pyromanen“, wie der Rentner von Ostia, sind nicht die wirklichen Schuldigen des Debakels. „Das wäre so, als würde man einem kleinen Kleptomanen einen professionellen Raubüberfall anhängen wollen“, kommentiert ein Grünen-Politiker in Rom.

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