Boom in Deutschland
Pokern bis die Köpfe rauchen

Die Pokerszene boomt wie nie zuvor. In Deutschland zocken Schätzungen zufolge mehr als fünf Millionen. Am Wochenende steigt eins der größten europäischen Turniere in Wien. Ein Ende des Poker-Fiebers im Internet ist nicht abzusehen. Mitverantwortlich ist das Internet.

HILDEN. Zehn Personen am runden Tisch. Mehr Männer als Frauen. Keine Regung in den Gesichtern. Das Einzige, was leuchtet, sind das Rot an der Wand und das Weiß des Deckenstucks. Manche Spieler tragen Sonnenbrille, andere Baseballkappe oder Wollmütze. Manche sind ohne Verkleidung. Thomas Dellenbusch zum Beispiel, dem der Raum hier gehört: ein Ort, der mit Säulen, Stuck und eleganten Farben an ein Kasino erinnern soll. Hier ist Hildens Mekka für Pokerspieler. Heute geht es um die Qualifikation für den Rhinepoker-Cup.

Auch der 43-jährige Dellenbusch sitzt ausdruckslos am Tisch. So wie Leute, die zu lange Fernsehen geguckt und den Zeitpunkt verpasst haben auszuschalten. Alkohol ist hier drinnen verboten. Geraucht werden muss draußen. Das Klischee vom verqualmten, verruchten Wildwest-Salon, in dem die Gogo-Girls zwischen Dollarnoten und Pokerkarten auf den Tischen die Strapse fallen lassen, hat in Hilden keinen Platz. Statt rauchender Colts gibt’s hier nur rauchende Köpfe.

Der Dealer, eine Studentin mit Brille in Weste und Anzug, verteilt die Karten, schnell, fingerfertig. An jeden Spieler je zwei Karten. Sie rutschen über den Tisch, grüner Filz, zu den Plätzen der Zocker, die sie mit Händen eifrig greifen und einige Sekunden mit den Handflächen bedecken, als gelte es wie Gollum in „Herr der Ringe“ den lang ersehnten Schatz zu verstecken.

Dann der Blick unter die Karten. Dellenbusch schottet sie zunächst mit beiden Händen ab. Er beugt sich langsam zu ihnen herunter, hebt die vorderen Kanten der Karten vorsichtig vom Tisch ab und blinzelt für Sekunden in den winzigen Spalt, der nicht breiter ist als eine Haarnadel. Kreuz König und Kreuz Bube – eine gute Starthand für Dellenbusch. Zumindest bei Texas Hold’em, der populärsten Variante des Pokers. Die erste Wettrunde kann beginnen.

Vor zwei Jahren hat Dellenbusch mit seiner Frau die erste und bisher einzige Pokerschule in Deutschland eröffnet: Rhinepoker in Hilden. Eine Gründung zur rechten Zeit. Denn was seit 2005 in der deutschen Pokerszene passiert ist, gleicht einer Revolution. Online-Kasinos wie „PartyPoker“ oder „Pokerstars.com“ kommen auf Milliarden-Euro-Umsätze. In den virtuellen Pokerräumen zocken mehrere Zehntausend Spieler gleichzeitig – in Deutschland etwa 70 000. Genaue Zahlen gibt es nicht, Online-Poker um Geld ist in der Bundesrepublik verboten.

2006 setzten Web-Spieler an Pokertischen über 40 Milliarden Euro ein. Die Online-Kasinos machten ein riesiges Geschäft, da sie einen Teil der Einsätze als Kommission für sich behalten. Als Marktführer „Partygaming“ im Sommer in London an die Börse ging, war das Unternehmen mehr wert als die Fluggesellschaft British Airways. Ein Ende des Poker-Fiebers im Internet ist nicht abzusehen. Studien schätzen, dass die Einsätze 2008 auf 140 Milliarden Euro steigen werden.

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