Brasilien
Neue Attentatswelle schockiert Sao Paulo

Die Gewalt hat die brasilianische Millionenmetropole Sao Paulo wieder eingeholt: Mindestens neun Menschen starben bei einer neuen Attentatsserie auf Sicherheitsbeamte. Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva erklärte, die „Lage sei völlig außer Kontrolle“.

HB SAO PAULO. Wie brasilianische Medien am Donnerstag berichteten, wurden zwischen Dienstag- und Mittwochabend (Ortszeit) rund 75 Anschläge auf Polizeiwachen, aber auch auf Wohnungen und Geschäfte von Sicherheitsbeamten sowie auf Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs und Bankfilialen registriert.

Die Lage in Sao Paulo sei sehr schlimm und völlig außer Kontrolle, sagte Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva. Die Gesellschaft sei in Panik. Er kritisierte unterdessen Landesgouverneur Claudio Lembo, weil dieser ein Hilfsangebot aus Brasilia zurückwies.

Bars und Tanzlokale des Vergnügungsviertels Vila Madalena blieben Mittwochnacht geschlossen. Da bei den Anschlägen auch rund 20 Busse in Brand gesetzt worden waren, stellten die meisten Busfirmen den Betrieb am Donnerstag vorerst ein. In U-Bahn-Stationen und auf den Straßen herrschte Chaos. Zehntausende gingen mehrere Kilometer weit zu Fuß zur Arbeit.

Erst vor zwei Monaten waren in Sao Paulo bei einer Attentatswelle der Mafia sowie bei Vergeltungsaktionen der Polizei innerhalb weniger Tage rund 120 Menschen ums Leben gekommen. Die Angriffe auf Sicherheitsbeamte, die sich in den vergangenen Wochen in kleinerem Ausmaß fortsetzten, werden nach Angaben der Behörden von der von inhaftierten Drogenbossen gegründeten Mafiagruppe „Erstes Hauptstadt- Kommando“ (PCC) ausgeführt.

Unter den Opfern der jüngsten Anschlagsserie waren drei Polizisten, die Schwester eines der Beamten sowie der Sohn eines anderen, drei Angehörige privater Wachfirmen und ein Gefängniswärter. Bei den Anschlägen seien Schusswaffen und Bomben benutzt worden. Dabei seien unter anderem Polizeiwachen, Supermärkte, Busse sowie Geschäfte schwer beschädigt worden.

Die Anschläge haben offenbar wieder mit der miserablen Situation in den Gefängnissen Brasiliens zu tun. Die Angreifer ließen an den Tatorten Flugblätter mit der Aufschrift „Gegen Unterdrückung in den Gefängnissen“ zurück. Die Anschläge erfolgten außerdem nur wenige Stunden nach der Festnahme von Emivaldo Silva Santos. Der 30-Jährige gilt laut Medien als einer der „Generäle“ des „PCC“.

Die meisten Gefängnisse in Brasilien sind hoffnungslos überfüllt. Gebaut wurden sie für rund 100 000 Häftlinge, inzwischen haben sie aber weit mehr als 230 000 Insassen. Die Zahl der Häftlinge soll bis Ende 2007 nach unterschiedlichen Schätzungen sogar auf 500 000 steigen. Zehntausende warten in Polizeigefängnissen teils Jahre lang auf den Prozess - wenn sie nicht völlig von der Justiz vergessen werden.

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