Brasilien
Stromausfall weckt Zweifel an Versorgungssicherheit

Hacker, Blitzschlag oder ein Kurzschluss in einer Umspannstation? Fünfzig Millionen Brasilianer saßen zeitweise im Dunkeln. In der Nacht auf Mittwoch kam es im Südosten und Süden Brasiliens sowie im Nachbarland Paraguay über vier Stunden zu einem totalen Stromausfall. Die Suche nach dem Schuldigen beginnt.
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SAO PAULO. Noch ist ungeklärt, wie es in der Nacht auf Mittwoch im Südosten und Süden Brasiliens sowie im Nachbarland Paraguay über vier Stunden zu einem totalen Stromausfall kommen konnte. In 800 Städten in der Industrie- und Agrarregion des Landes gingen die Lichter aus, darunter in den Millionenmetropolen São Paulo und Rio de Janeiro. Bis zu 50 Millionen Menschen saßen zeitweise im Dunkeln. Weil der Strom in der Nacht ausfiel, traf der Blackout die brasilianischen Konzerne allerdings kaum.

Dennoch begannen noch in der Nacht die Schuldzuweisungen zwischen den möglichen Verantwortlichen. "Atmosphärische Störungen wie Blitz oder Sturmböen haben das Verteilungsnetz beschädigt", erklärte Energieminister Edson Lobão. "Es gab keine Gewitter in der Region", hieß es dagegen beim Wetterdienst des Satelliteninstituts Inpe. Der Chef von Itaipú, dem größten Wasserkraftwerk der Welt, teilte mit, dass die Generatoren zwar normal gearbeitet hätten, aber vom Netz abgekoppelt worden seien.

Gestern berief Präsident Luiz Inácio Lula da Silva einen Krisenrat ein, um die Ursachen des größten Stromausfalls in Brasilien seit zehn Jahren zu prüfen. Sein Engagement zeigt, dass Probleme bei der Stromversorgung ein sensibles Thema in der brasilianischen Öffentlichkeit sind und sogar wahlentscheidend sein können.

Engpässe bei der Versorgung können wahlentscheidend sein

Zwar kommen Stromausfälle nicht viel häufiger vor als in Westeuropa. Doch 75 Prozent der brasilianischen Elektrizität werden in Wasserkraftwerken produziert. Und wegen ausbleibender Regenfälle mussten die Brasilianer 2001 ihren Strom rationieren. Von der Schlappe konnte sich die damalige Regierung nie mehr richtig erholen. Der Strommangel war ein wichtiger Grund dafür, dass Lula nach vier erfolglosen Anläufen im Jahr 2002 die Präsidentschaftswahl gewann. Entsprechend nervös dürfte der Staatschef jetzt sein, schließlich will er im Oktober 2010 seine ehemalige Energieministerin Dilma Rousseff zu seiner Nachfolgerin machen.

Rousseff war unter Lula für die Investitionen in die Stromversorgung des Landes verantwortlich. In der ersten Amtszeit setzte sie - zum Ärger der Umweltschützer - massiv auf den Bau von Diesel- und Gaskraftwerken, die eventuelle Ausfälle bei den Wasserkraftwerken kompensieren können. "Brasiliens Stromversorgung ist auf Jahre gesichert", brüstet sich Rousseff regelmäßig.

Das Stromnetz ist einer der wenigen Infrastrukturbereiche in Brasilien, in die seit Mitte der 1990er-Jahre regelmäßig investiert wurde - im Gegensatz zum Straßennetz, zur Wasserversorgung oder zu den Häfen. Das letzte Mal gingen vor zehn Jahren nach einem Blitzschlag in ein Umspannwerk bei São Paulo großflächig die Lichter aus. Auch droht derzeit keine Versorgungsknappheit: Die Wasserreservoirs hinter den Staudämmen sind nach starken Regenfällen so voll wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Das brasilianische integrierte Stromnetz gilt als eines der fortschrittlichsten weltweit: Es wurde noch unter der Militärdiktatur geplant und über die Jahrzehnte perfektioniert. Heute ist das ganze Land - mit Ausnahme der Amazonasregion - angeschlossen. Dabei entstehen hohe Synergien: Trockenheit im Süden - und damit leere Stauseen - fällt meist mit Regenzeiten im Süd- und Nordosten zusammen, so dass die Erzeugerkapazitäten in den vier Subregionen sich im nationalen Verbund ergänzen.

Allerdings können umgekehrt Ausfälle in einer Region blitzschnell landesweit eine Kettenreaktion auslösen. So war die Unterbrechung der Stromzufuhr in Itaipú an der Grenze zu Paraguay noch 5000 Kilometer weiter im Nordosten zu spüren.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

Kommentare zu " Brasilien: Stromausfall weckt Zweifel an Versorgungssicherheit"

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  • Naturgewalt,

    Das ist jetzt das beispiel was passieren kann wenn Gewitter in Aggressiven Form über das Land fegt.

    Klimawandel lässt keine Gnade gegen den Menschen.

    Dabei entstehen hohe Synergien: Trockenheit im Süden - und damit leere Stauseen - fällt meist mit Regenzeiten im Süd- und Nordosten zusammen!

    Mfg

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