Buchtipp – „The Germans“
Eleganz der Langeweile

Deutsche haben keinen Stil, heißt es immer. Stimmt aber nicht. Wer ihn finden will, muss „The Germans“ lesen. Das Buch von Silke Wichert und Nina Zywietz zeigt, was „Deutschsein“ eigentlich bedeutet.
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Deutschland kann einem leidtun. Es hat zwar Mercedes Benz und Udo Lindenberg, Sylt und vier Fußball-Weltmeistertitel, aber eines hat Deutschland angeblich nicht: Stil. Italienische Eleganz oder französischer Chic? Fehlanzeige. In der Bundesrepublik regiert das Prinzip Unauffälligkeit. Der Deutsche will nicht modisch sein, sondern „Tatort“ gucken.

Kreativdirektorin Nina Zywietz und Journalistin Silke Wichert haben ein Buch zusammengetragen, das zeigen soll, was es eigentlich bedeutet, dieses „Deutschsein“. Das Werk trägt den Titel „The Germans“ – und wenn man darin herumblättert, merkt man schnell, dass die Kritik am Stil der Deutschen zumindest teilweise zutrifft. Denn während sich die anderen Länder mit immer gewagterer Andersartigkeit überbieten, verblasst der Deutsche vor dieser Kulisse der Hipness. Allerdings, und das ist die zweite Erkenntnis dieses Buches, verschwindet er nicht. Was bleibt, sind seine Konturen: Ikonen wie die deutsche Schrankwand, der Turnschuh Stan Smith oder Hans-Dietrich Genscher und sein gelber Pullunder sind die Eckpfeiler des Stils einer Nation. Ästhetik, die von Understatement lebt.

„The Germans“ ist eine Reise durch die alte und die neue Stilgeschichte der Bundesrepublik. Moderiert wird sie von der Designerin Ayzit Bostan, „Zeit-Magazin“-Chefredakteur Christoph Amend und anderen Experten. Was das Buch so besonders macht, sind die vielen Anekdoten. Eine der besten und aussagekräftigsten ist die über Marc Jacobs. Der Designer wollte vor einigen Jahren gerne seine eigene Version der Birkenstocks entwerfen. Doch die Marke aus Vettelschoß gab Jacobs einen Korb. Begründung: „Er wollte an die Sohle ran.“ Deutscher geht’s eigentlich nicht.

„The Germans – Stil und Ikonen einer Nation“ von Silke Wichert und Nina Zywietz. 225 Seiten, 39,90 Euro. Erschienen im teNeues-Verlag.

Michael Verfürden
Michael Verfürden
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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