Bundestrainer
Klinsi und das Projekt der Projekte

Vor anderthalb Jahren hat Jürgen Klinsmann den Job des Bundestrainers angenommen. Alles was er versprochen hat. hat er bisher auch umgesetzt. Aber an seinem Ziel, die WM zu gewinnen, muss er sich messen lassen.

HB BERLIN. Die Gesellschaft hat sich verzogen. Es ist Halbzeit im DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und Schalke 04. Die Kollegen Löw und Bierhoff verschwinden in die Lounge. Die VIP-Tribüne ist leer. Jürgen Klinsmann ist noch da. Er wippt ein wenig auf seinem Klappsitz hin und her wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal im Kino ist. Sein Blick fixiert den Rasen des Berliner Olympiastadions, jenen Ort, an dem am 9. Juli 2006 der neue Weltmeister ausgespielt wird. Vielleicht denkt er an das Finale, vielleicht daran, wie es 1990 in Rom war, als er den Weltpokal als Spieler gewonnen hatte.

Jürgen Klinsmann möchte nächstes Jahr wieder hier im Stadion sein, dann aber an der Seitenlinie, nicht auf der Tribüne. "Wir wollen Weltmeister werden." Er hat es gesagt, als er den Job des Bundestrainers annahm. Anderthalb Jahre ist das her. Für ihn ist es ein Projekt. Vieles hat er verändert. Die Mannschaft ist zur Vorbereitung auf Länderspiele vom Land in die Stadt gezogen. Er hat das Spielsystem revolutioniert. Das Team spielt jetzt offensiver, keinen Angsthasenfußball mehr wie unter Völler, Ribbeck oder Vogts. Klinsmann trainiert intensiver als seine Vorgänger und wendet andere Methoden an: Als er seine Profis mit Gummibändern malträtiert, erreichen lustige Bilder von watschelnden Millionären die Fernsehöffentlichkeit.

In der Nationalmannschaft arbeiten heute ein Sportpsychologe, ein Leistungsdiagnostiker und sogar ein Fitnesstrainer aus den USA. Jeder Spieler hat einen Time-Planner und einen E-Mail-Anschluss. Stärken und Schwächen der Gegner offenbart Klinsmann nicht an der Tafel, sondern via Powerpoint-Präsentation. Die Mannschaft hat sich sogar bei Ex-McKinsey-Chef Herbert Henzler anhören dürfen, welche Verantwortung sie für die ganze Nation hat. "Wir zeigen dem Spieler ein Bild: Hier bist du, dort wollen wir hin, dafür ist Folgendes notwendig. Das verpflichtet den Spieler. Und dann spielt er auch besser", sagt Klinsmann. Loben und lernen - dazwischen bewegt sich die deutsche Mannschaft unter Klinsmanns Ägide. Nach jedem Spiel verteilt er "Riesenkomplimente", weist die Journalisten auf die "Weiterentwicklung des einen oder anderen Spielers" hin, und er spürt die "enorme positive Energie in der Mannschaft".

Eine Energie, die vor allem auch in ihm steckt und die er in seiner Karriere als Spieler in Tore und große Erfolge ummünzte: Klinsmann wurde Weltmeister, Europameister, zweimal Uefa-Cup-Sieger. Er wurde Deutscher Meister, dreimal Fußballer des Jahres, einmal gar in England. Seine fröhliche Ausstrahlung war und ist ansteckend und brachte ihm zusätzlich den Titel "Sonnyboy" ein.

Doch Klinsmann, der früher so gern als Bäckersohn bezeichnete Schwabe, ist beileibe kein oberflächlicher Lächler. In Verhandlungen gilt er als hart. Er gründete aber auch ein Hilfswerk für bedürftige Kinder und eine Stiftung für den Jugendfußball. Der 41-Jährige ist inzwischen mehr Kosmopolit als Schwabe, dennoch ist er stolz auf seine Heimat. Klinsmann, der am Ende seiner Karriere nach Los Angeles zog, spielte dort klammheimlich auch noch Fußball: Unter dem Decknamen Jay (Jürgen) Goeppingen (seine Geburtstadt) stürmte er für den Lokalverein Newport Beach.

Nun hetzt er mehr, als dass er stürmt: Regelmäßig pendelt er zwischen Kalifornien und Deutschland hin und her. Daran entzündete sich schon viel Kritik: Spielt die Nationalmannschaft schlecht, wird ihr "katastrophaler Zustand" (Uli Hoeneß) mit Klinsmanns häufiger Abwesenheit erklärt.

Doch bisher hat er noch jeden Angriff pariert. Das Wort "scheitern" komme in seinem Wortschatz nicht vor, hat Jürgen Klinsmann die Öffentlichkeit früh wissen lassen. Und bislang hat er alles, was er versprochen hat, auch umgesetzt. Solange die Nationalmannschaft erfolgreich spielt, sind die Kritiker machtlos. Aber an seinem Ziel, die WM zu gewinnen, muss er sich messen lassen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%