China-Lexikon
Danwei

Die „Danwei“, die Arbeitseinheit, ist die wichtigste soziale Gruppe für die Chinesen.

slo PEKING. „Man liebt es in China, Kreise und Zirkel um sich zu ziehen. Chinesen sind unter dem großen Schirm von Einheit und Harmonie immer darauf bedacht, sich mit Mauern und Wällen von den anderen zu schützen“, schrieb der Soziologe Sun Longji über seine Landsleute. Einen solchen Wall bildet bis heute die „Danwei“, die Arbeitseinheit. Sie ist die kleinste, aber wichtigste soziale Einheit.

Auf dem Land kann Danwei die Dorfgemeinde sein, in der Stadt die Fabrik oder die Universität. Lange war fast jeder Chinese Mitglied einer Danwei. Sie dominiert nicht nur das Arbeits-, sondern auch das Privatleben. Die Danwei sorgt für eine Wohnung, übernimmt Arztkosten und vermittelt eine Ehefrau.

Entstanden ist das System in den 50er-Jahren im Zuge der Verstaatlichung der Wirtschaft. Der Staat versprach seinen Untertanen Sicherheit – von der Wiege bis zur Bahre. Danweis übernahmen die Rolle von Großfamilien, sie kümmern sich um das Wohlergehen ihrer Mitglieder – einerseits. Andererseits sorgen sie für politische Disziplin.

Dazu gehört auch: Die Danwei-Leiter machen Mitglieder durch patriarchalische Fürsorge von ihrer Einheit abhängig. So kümmern sich Danweis um das leibliche Wohl der Mitglieder. Sie betreiben teilweise selbst Gemüseanbau und Schweinezucht sowie eigene Schulen. Die Danwei-Leitung mischt sich selbst in so persönliche Dinge wie die Familienplanung ein – stets unter dem Vorwand der Fürsorge und mit dem Ziel, die Harmonie innerhalb der Danwei zu erhalten. Wenn zwei sich streiten oder ein Ehepaar sich scheiden lassen will, ist ebenfalls sofort ein Danwei-Funktionär zur Stelle.

Die stolze Aussage, wonach das chinesische Volk weder Religion noch Gesetz brauche, behält so seine Gültigkeit. Die Menschen haben ja ihre Danwei.

Zu den bekanntesten Danweis zählt die Peking-Universität: Sie bietet Arbeitsplätze, Wohnungen für Dozenten und Studenten, einen Kindergarten, ein Krankenhaus, eine Buchhandlung, einen Verlag, eine eigene Post und Geschäfte – fast alles, was die Mitglieder zum Leben brauchen.

Durch die Wirtschaftsreformen seit den späten 70er-Jahren hat das Danwei-System in den vergangenen Jahren begonnen sich aufzulösen. Die Danweis gelten als lästige Bremsklötze auf dem Weg zur Marktwirtschaft. Ersetzt werden könnten sie durch ein Sozialsystem wie in Europa. Das jedoch existiert noch nicht.

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