China nach dem Erdbeben
Ein Milliardenvolk hält inne

Es ist, als habe jemand den Stecker herausgezogen. Mit einem Schlag bleibt die sonst immer pulsierende Metropole Peking einfach stehen. In China trauern die Menschen um die Erdbebenopfer – und überraschen durch ungewohnte Hilfsbereitschaft.

PEKING. Auf der großen Stadtautobahn, direkt vor dem Kempinski-Hotel, wo sich sonst Autos Stoßstange an Stoßstange um jeden Zentimeter drängeln, rollt der Verkehr langsam wie von Geisterhand aus. So als sei allen Autos auf einmal das Benzin ausgegangen.

Auch in der nahen Filiale der Bank of China unterbricht die junge Mitarbeiterin am Schalter ihre Arbeit, obwohl sie gerade Geldscheine zählt. Die Uhr zeigt 14.28 Uhr. Die meisten Bankangestellten haben sich draußen in die Massen der Büromenschen eingereiht, die stumm vor einer auf Halbmast wehenden chinesischen Flagge den Kopf senken.

Auf die Minute genau eine Woche nach dem starken Erdbeben, das weite Teile der Provinz Sichuan zerstört und Zehntausende getötet hat, hält das ruhelose Milliardenvolk inne – genau drei Minuten lang, so lange, wie die erste tödliche Welle der Stöße gedauert hatte. „Ich finde, es ist richtig, um die vielen Menschen zu trauern, die gestorben sind“, sagt ein Angestellter vor dem Landmark-Gebäude in Peking. Andere blicken wie versteinert auf den Boden. Einige können ihre Tränen nicht zurückhalten: „Ich muss immer weinen, wenn ich die Bilder aus Sichuan sehe“, schüttelt eine Kollegin den Kopf.

Die Zahl der Opfer aus der Katastrophenregion steigt jeden Tag weiter an. Inzwischen wird mit 72 000 Toten gerechnet, die Zahl der Verletzten liegt bei 250 000. Plötzlich ist das Trauma von Tangshan vielen Pekingern wieder vor Augen. Viele der Angestellten, die sich vor den Bank- und Bürogebäuden versammelt haben, erinnern sich noch an das schwere Beben von 1976, das rund 240 000 Todesopfer gefordert und auch die Hauptstadt schwer erschüttert hatte. Tangshan gilt als das folgenschwerste Beben des 20. Jahrhunderts, doch die Stöße der vergangenen Woche waren mit der Stärke von 8,0 noch heftiger.

Erstmals seit Bestehen der Volksrepublik hat Peking eine dreitägige Staatstrauer für die Opfer einer Katastrophe angeordnet. Bisher war dies nur beim Tod von Staatsführern üblich. Und diesmal ist die Trauer echt: „Desaster“ – mit diesem einzigen Wort umschreibt eine Wirtschaftszeitung die Stimmung im Land. Flugzeuge, Züge, Taxis stehen still – selbst das Internet wird landesweit für drei Minuten abgeschaltet. An den Börsen in Schanghai und Shenzhen bleibt die Anzeigetafel kurzzeitig schwarz.

Das Beben hat China verändert. Überall wird zu Spenden aufgerufen, stehen Sammelboxen, organisieren Privatleute Hilfe. Vor dem Laden der Hongqi-Kette in Chengdu treibt der Besitzer an diesem Morgen seine Angestellten an. „Los, mehr Regenschirme und Kekse“, fordert er und hebt Kiste um Kiste in den Kofferraum der Toyota-Limousine. Rund um das Auto klebt eine Angestellte kopierte Zettel: „Hongqi hilft!“ Seit Tagen rollen solche selbst organisierten Fahrzeugkolonnen in das Krisengebiet, um Obdachlosen Nahrungsmittel und Medizin zu bringen. Das hat es in China noch nie zuvor gegeben. Inzwischen muss die Regierung die Hilfsbereitschaft sogar bremsen, weil zu viele private Hilfstransporte die Zufahrtswege in die Krisenregion verstopfen. Nach einer Woche sind bereits mehr als eine Milliarde Euro gespendet worden.

Und es sind nicht nur die großen Firmen, die geben. „Viele Mitarbeiter spenden hohe Summen“, sagt etwa ein Manager des Siemens-Konzerns in Peking. Basketball-Superstar Yao Ming, der bei den Houston Rockets in Texas spielt und Millionen verdient, geriet dagegen bereits in die Kritik, weil er zunächst nur knapp 50 000 Euro spenden wollte. „Ein bisschen geizig, oder?“, kommentierte ein Sportfan im Internet.

Die Propaganda arbeitet geschickter: Zhuo Lin, die 92-jährige Witwe von Deng Xiaoping, habe ihre gesamten Ersparnisse von knapp 10 000 Euro gespendet, loben die Staatsmedien. Und so werden auch patriotische Klänge lauter: In einigen Orten erklingen kommunistische Revolutionslieder. Und auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking versammeln sich am Montag Tausende um den Fahnenmast und skandieren den Olympia-Schlachtruf: „Vorwärts China!“

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