Christian Karl Gerhartsreiter
„Falscher Rockefeller“ muss vier Jahre in Haft

Ende einer drei Jahrzehnte langen Hochstapler-Karriere: Der als „falscher Rockefeller“ bekannte Deutsche Christian Karl Gerhartsreiter muss wegen der Entführung seiner eigenen Tochter mindestens vier Jahre in Haft.

HB WASHINGTON. Eine Jury in Boston befand den 48- jährigen am Freitag schuldig, im Juli 2008 das damals siebenjährige Mädchen in einem Sorgerechtsstreit gekidnappt zu haben. Wegen des Vorwurfs, einen falschen Namen geführt zu haben, wurde der aus dem bayerischen Dorf Bergen stammende Mann nach Angaben der Zeitung „Boston Herald“ allerdings freigesprochen. Gerhartsreiter nahm das Urteil ohne jede sichtbare Regung zur Kenntnis.

Die Anwälte des Deutschen hatten auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert. Dagegen hatte die Staatsanwaltschaft geltend gemacht, Gerhartsreiter habe die Tat über Monate geplant und daher ohne jeden Zweifel genau gewusst, was er tat. „Das ist ein faires und gerechtes Urteil“, äußerte sich Staatsanwalt Daniel Conley nach dem Prozess. Gerhartsreiter wurde auch der Körperverletzung schuldig befunden, weil ein Sozialarbeiter bei der Entführung von seinem Fluchtauto über eine kurze Distanz mitgeschleift worden war.

Der Deutsche hatte sich viele Jahre als „Clark Rockefeller“ ausgegeben und sich damit Zugang zu besseren gesellschaftlichen Kreisen in den USA verschafft. Seit er 1978 als Schüler in die Vereinigten Staaten kam, legte sich Gerhartsreiter eine Vielzahl falscher Identitäten zu. So gab er sich als Schauspieler, Mathematiker, Börsenmakler oder Herzchirurg aus. Die amerikanischen Behörden waren ihm aber nicht wegen der falschen Namen auf die Spur gekommen, sondern wegen der Entführung seiner Tochter.

Während des Verfahrens hatte die Staatsanwaltschaft geltend gemacht, Gerhartsreiter habe „alle herausgefordert“. Er habe nach dem Motto gehandelt „Fangt mich, wenn ihr könnt“, sagte der Ankläger mit Blick auf den Blockbuster „Catch me if you can - Mein Leben auf der Flucht“ mit Hollywoodstar Leonardo DiCaprio.

Die Verteidigung hingegen hatte ihren Mandanten als einen psychisch schwer gestörten Mann dargestellt, „der nicht rund läuft“. Er habe als Folge seiner Scheidung einen „perfekten Sturm“ durchgemacht. Dieser habe die Entführung der eigenen Tochter ausgelöst. „Er war verrückt zu dieser Zeit“, sagte Anwalt Jeffrey Denner.

Die falschen Identitäten waren stets von schillernden Geschichten begleitete. Gerhartsreiters erste Ehefrau hatte in dem Prozess geschildert, sie sei von ihm sofort völlig eingenommen gewesen. Er habe erzählt, in einem reichen New Yorker Stadtteil aufgewachsen zu sein, als Kind nach einem Treppensturz vorübergehend sein Gedächtnis verloren und dann als Hochbegabter schon mit 14 an einem Ausbildungsprogramm der renommierten Yale-Universität teilgenommen zu haben. Außerdem habe er erzählt, dass er reich geerbt habe. Bei der Urteilsverkündung am Freitag war laut der Zeitung „Boston Globe“ kein einziges Familienmitglied oder Freund im Gerichtssaal.

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