Dacheinsturz in Polen
„Die Türen waren de facto zu“

Nach dem Einsturz eines Messehallen-Daches im polnischen Kattowitz werden schwere Vorwürfe gegen die Messegesellschaft laut: Überlebende berichten von verrammelten Notausgängen, die Behörden fanden heraus, dass das Dach entgegen den Beteuerungen nicht von Schnee und Eis geräumt war.

HB KATTOWITZ. Wolfgang Rekowski aus Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen, der zu den Besuchern der Brieftaubenausstellung gehört hatte und sich retten konnte, sagte am Sonntag, die Notausgänge seien verschlossen gewesen: „Wir hatten das bereits am Freitag festgestellt, als wir aus Versehen durch eine solche Tür raus wollten. Die waren wie zugesperrt. Ob man die Türen von innen irgendwie entriegeln konnte, weiß ich nicht“.

Der Geschäftsführer des privaten Münchner Rettungsdienstes MKT, Robert Schmitt, bestätigte dies. „Weil sich Notausgänge nicht öffnen ließen, schlugen die Leute mit primitiven Mitteln die Scheiben ein, um rauszukommen“, berichtete Schmitt vom Unfallort: „Ob die zugesperrt waren oder durch die verschobene Statik blockiert waren, weiß ich nicht.“ Schmitt sagte, es seien derzeit 41 deutsche Rettungskräfte in Kattowitz.

Als wahrscheinlichste Unfallursache nannte Schmitt den Schnee: „Uns haben Überlebende berichtet, dass der auf dem Dach 80 Zentimeter hoch lag.“ Rekowski sagte, er habe zunächst „ein Knacken“ gehört: „Dann ist das Dach wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.“

Der polnische Transportminister Jerzy Polaczek sagte am Sonntag, nach ersten Ermittlungen einer Sonderkommission sei eine 50 Zentimeter dicke Schicht von vereistem und lockeren Schnee auf dem Dach der Halle gewesen. Nach ersten Vermutungen könnte die tonnenschwere Last der Schneedecke zum Einsturz des Hallendachs am Samstagnachmittag geführt haben. In den Räumen des Krisenstabs verhörten Mitarbeiter von Staatsanwaltschaft und Polizei am Sonntag die Verantwortlichen der Kattowitzer Messegesellschaft.

Ein Sprecher des Unternehmens hatte zuvor im polnischen Fernsehen betont, das Gebäude entspreche allen Vorschriften. Auch der Schnee sei vom Dach der Halle geräumt worden. Augenzeugen dagegen berichteten, dass nur etwa ein Drittel der Schneedecke vom Dach der 150 Meter langen und 100 Meter breiten Halle entfernt worden war.

Bei dem Unglück kamen mindestens 66 Menschen ums Leben, 141 wurden verletzt. Auch ein Deutscher wurde getötet und mindestens vier verletzt. Für die Opfer werde es ein Staatsbegräbnis geben, kündigte Gesundheitsminister Zbigniew Religa an. Für die Verletzten der Katastrophe bestehe keine Lebensgefahr mehr. Etwa die Hälfte von ihnen konnte die Krankenhäuser bereits verlassen.

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