Dänemark
Kopenhagener „Ungdomshuset“ wird abgerissen

Das in der vergangenen Woche geräumte Jugendzentrum („Ungdomshuset“) in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen wird seit dem Morgen abgerissen. Die Entscheidung des Besitzers, einer christlichen Sekte, dürfte neue Proteste der Besetzer und ihrer Sympathisanten nach sich ziehen.

HB/hst KOPENHAGEN. Bauarbeiter begannen unter massivem Polizeischutz mit den Abrissarbeiten. Das dänische Fernsehen zeigte einen Kran mit einer Abrissbirne, die gegen die mit Graffiti übersäten Wände geschleudert wurde. Während des Abrisses beschimpften wütende Jugendliche die Polizisten, die das Gelände rund um das Gebäude abgesperrt hatten. Viele der Jugendlichen weinten: „Sie brechen mir das Herz. Ich halte das nicht aus“, sagte eine junge Frau.

Die Räumung des vor 26 Jahren besetzten Hauses hatte zu mehrtägigen Ausschreitungen mit insgesamt 650 Festnahmen geführt. In der Nacht zum Montag blieb es nach Polizeiangaben ruhig. Die zumeist jugendlichen Hausbesetzer hatten gleich nach der Räumung Hilfe von zugereisten Jugendlichen aus dem benachbarten Ausland erhalten. Trotz verschärfter Grenzkontrollen an der deutsch-dänischen und der schwedisch-dänischen Grenze gelang es mehreren hundert Autonomen aus dem Ausland, nach Kopenhagen zu kommen. Wie ein Polizeisprecher in der dänischen Metropole am Sonntag mitteilte, waren unter den Festgenommenen insgesamt 140 Ausländer, darunter 25 Deutsche, 20 Schweden und 20 Norweger. Die Deutschen wurden nach einem Bericht des linksalternativen Mediennetzwerks Indymedia am Sonnabend abgeschoben.

Berichten, wonach der Protest gegen die Schließung des Jugendhauses maßgeblich durch ausländische Demonstranten verschärft worden sei, widersprach der Polizeisprecher. Im dänischen und schwedischen Fernsehen berichteten Augenzeugen, dass in der gewalttätigsten Nacht von Donnerstag auf Freitag „teilweise mehr Journalisten“ als Demonstranten vor dem Jugendhaus am Jagtvej 69 im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro zugegen waren. Fernsehanstalten hätten sich offenbar über dramatische Bilder mit brennenden Autos und eingeschlagenen Fensterscheiben gefreut, sagte ein Teilnehmer an der Demonstration. Die zweifelhafte Rolle einiger Medien bei diesen Auseinandersetzungen wird bereits in Dänemark und Schweden diskutiert.

Das Jugendhaus steht nicht zum ersten Mal im Blickpunkt: Seit 1981 ist es ein selbstverwaltetes Jugendzentrum. Die Stadt Kopenhagen hatte es Hausbesetzern im Tausch gegen ein anderes besetztes Haus überlassen. Im vergangenen Jahr verkaufte die Stadt dann das Haus an die christliche Sekte „Faderhuset“, die von dänischen Medien als rechtsextrem bezeichnet wird.

Anders als bei den durch soziale Missstände und hohe Arbeitslosigkeit ausgelösten Krawallen zwischen Jugendlichen und der Polizei in französischen Vorstädten im vergangenen Jahr, geht es bei dem Konflikt in Kopenhagen einzig um das Jugendzentrum, dass über 25 Jahre lang für viele junge Leute eine Anlaufstation war.

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