„Das hätten auch wir sein können“
Entsetzen nach Busunglück

Die Kerzen als Andenken an die Opfer sind inzwischen verloschen. Dennoch ist das Entsetzen nach dem Busunglück noch immer groß.

HB/dpa SIÓFOK. Freitag, 8.40 Uhr: Ganz langsam rollt ein Autobus die Straße auf den Bahnübergang zu. Lokaltermin nach dem schrecklichen Busunglück von Siofok. Vor genau 24 Stunden ist an dieser Stelle der Schnellzug aus Budapest vorbeigerast und hat den auf den Schienen stehenden deutschen Touristenbus in der Mitte auseinander gerissen.

Gespenstisch wirkt die Szene. Zwar kommt heute auch der Zug die nicht enden wollende Gerade nur im Schritttempo herangefahren. Doch lässt sich erahnen, dass die Businsassen Sekunden lang die heranbrausende Lokomotive gesehen haben müssen. Mit der Stoppuhr wird geprüft, wie lange das Ampelsignal auf Rot steht, ehe der lautstark hupende Zug den Bahnübergang erreicht.

Noch immer liegen Scherben auf der Straße. Eine Reklametafel ist umgestürzt, davor zu einem kleinen Wall zusammengedrückte Erde, geknickte Eisenstangen an jener Stelle, wo Fußgänger die Bahnstrecke überqueren sollen. Die ganze Nacht über waren die Bauarbeiter im Einsatz, um die wichtige Bahnstrecke von Budapest über den Plattensee in den Südwesten Ungarns wieder herzustellen. Die Unfallstelle passieren die modernen Schnellzüge freilich nur langsam.

Die Kerzen als Andenken an die Opfer sind inzwischen verloschen. Dennoch bricht eine Gruppe Jugendlicher aus dem Norden Deutschlands, die hier kurz Halt macht, beim Anblick der Blumen in Tränen aus. Daneben herrscht geschäftiges Treiben. Polizei, Zivilschutz, Bahnvertreter beherrschen die Szenerie; Absperrbänder und kleine orange Hütchen stehen auf der Straße.

Nur 100 Meter entfernt, vor dem Hotel „Arany Hid“ (deutsch: Goldene Brücke), parken ein Dutzend Reisebusse mit deutschen Kennzeichen. Einer der Busfahrer ist Robert Wirth. Er soll in Kürze eine Gruppe junger Menschen nach Hause in die Nähe von Berlin bringen. Er stand gerade am Hotel-Balkon, als es passierte, hörte den lauten Knall und sah dann den Staub aufwirbeln. „Das geht schon an die Nieren“, erzählt er.

Wie es dazu kommen konnte, dafür hat er keine rechte Erklärung. „Ich verstehe das nicht. Die Ampelphasen sind recht kurz hier in Ungarn, das schon. Ich kann mir nur vorstellen, dass der Kollege nicht gesehen hat, dass er die Schienen nicht passieren kann, weil eben der andere Bus davor stehen bleiben musste.“ Die Sonne, die den Busfahrer geblendet haben soll, könne nicht schuld sein, meint Wirth. Das sehen die Ermittler vor Ort nach dem Lokaltermin auch so.

Auch beim Hotelfrühstück ist das Unglück das beherrschende Gesprächsthema. „Wir sind da nur Minuten vorher drüber gefahren“, erzählt die rüstige Rentnerin aus Heilbronn. Vor allem die Angehörigen zu Hause seien nervös gewesen und hätten den ganzen Vormittag angerufen. „Aber da darf man sich trotzdem nicht verrückt machen lassen.“ Gut findet sie, dass die Stadtväter von Siófok die Kneipenwirte angewiesen haben, wegen des Unfalls die Musik ein wenig leiser zu drehen. „Das finde ich schwer okay, dass da ein bisschen Rücksicht genommen wird.“

Ein paar Kilometer weiter im Zentrum der kleinen Touristenstadt am Plattensee herrschte dagegen am späten Donnerstagabend geschäftiger Trubel der ganz anderen Art. Zwar fängt die Saison hier an der Uferpromenade gerade erst an, doch die Lokale sind trotzdem schon ganz gut besucht. Die Musik spielt immer noch laut genug, Einheimische und vor allem Deutsche sitzen gemütlich bei Bier oder Wein. „Was soll's? Das Ganze ist zwar schrecklich, aber es ist unser Urlaub. Da können wir doch nicht einen auf Trauer machen“, sagt ein deutscher Gast, der nicht beim Namen genannt werden möchte. Um dann - nur ganz kurz - nachdenklich zu werden. „Obwohl, das hätten ja auch wir sein können.

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