Demographie
Unternehmen tun zu wenig für Ältere

Eins ist so gut wie sicher: Die Deutschen müssen künftig länger für die volle Rente arbeiten. Dass aber alle Menschen - oder zumindest der Großteil - auch tatsächlich bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten können, bezweifeln Experten.

HB HAMBURG. Unternehmen und Arbeitnehmer seien darauf nicht ausreichend vorbereitet. Zum Beispiel das Volkswagen-Werk in Kassel: Der Anteil der über 55-Jährigen wird hier von zehn Prozent im Jahr 2003 auf etwa 40 Prozent im Jahr 2023 steigen. Und noch hat der erforderliche Bewusstseinswandel nicht in allen Köpfen stattgefunden, wie VW- Arbeitsmediziner Reinhard Nöring berichtet.

So sei es häufig schwer, für Ältere, die nur noch eingeschränkt arbeiten können, einen weniger belastenden Arbeitsplatz zu finden. Ein Wechsel von der Produktion in die Verwaltung sei so gut wie ausgeschlossen, sagt Nöring. Und innerhalb der Produktion seien die Leiter der einzelnen Abteilungen - die an der Arbeitsleistung pro Mitarbeiter gemessen werden - manches Mal nur schwer zu überzeugen, ältere Kollegen aufzunehmen. VW erforscht gemeinsam mit der Universität Kassel, wie sich das Unternehmen besser auf ältere Mitarbeiter einstellen kann.

Über diese Fragen tauschen sich seit März Unternehmen in einem Demographie-Netzwerk (ddn) aus. Bereits jetzt bieten manche Betriebe ihren Mitarbeitern besondere Sportangebote, gesundes Kantinenessen und speziell auf Ältere zugeschnittene Weiterbildungsseminare. Das Bundesministerium für Arbeit unterstützt die Initiative. „Das ddn zeigt, dass es bereits einige Unternehmen gibt, die sich erfolgreich auf die demographische Entwicklung einstellen“, sagt eine Sprecherin. Ziel sei es, ältere Menschen länger im Beruf zu halten. Wegen des sich abzeichnenden Fachkräftemangels, gehe es dabei auch um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Ein Bewusstseinswandel ist dringend notwendig. So setzt noch immer ein Großteil der deutschen Betriebe voll auf die Jugend, die Arbeitslosigkeit bei den 50- bis unter 65-Jährigen ist weiterhin mit rund 18 Prozent überdurchschnittlich hoch. Darauf verweist das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg in einer aktuellen Studie. Das IAB bezweifelt, dass künftig ein großer Teil der Älteren länger berufstätig sein kann.

Zwar seien ältere Arbeitnehmer heute im Durchschnitt gesünder, leistungsfähiger und aktiver als ihre gleichaltrigen Kollegen früher. Aber gleichzeitig seien die Unterschiede zwischen verschiedenen Berufen größer geworden: „Bei weitem nicht alle Jobs sind angenehme, psychisch und physisch verschleißfreie Wissensberufe, die man auch noch in hohem Alter ausüben kann“, heißt es in der Studie. Daher würden viele Menschen in ihrem Job die bisherige gesetzliche Rentengrenze von 65 Jahren wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit nicht erreichen.

Es gibt aber auch andere Beispiele: So haben bei dem Frankfurter Finanzdienstleister ING-DiBa AG im März dieses Jahres drei Frauen ein Ausbildung zum Kundenbetreuer begonnen. Alter der Azubis: Über 50. „Es ist angedacht die Anzahl an älteren Auszubildenden im Unternehmen künftig noch auszuweiten“, teilt das Unternehmen mit. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es weiter: „Auch wenn gerade mal 15 Prozent der Mitarbeiter 45 Jahre und älter sind, bereitet sich die ING-DiBa auf den demographischen Wandel vor.“

Das solche Beispiele Schule machen, wünscht sich der Geschäftsführer des Demographie-Netzwerkes, Rainer Thiehoff: „Wir müssen unsere Einstellung gegenüber Älteren ändern.“ Viele Unternehmen könnten von der Erfahrung ihre älteren Mitarbeiter sehr profitieren. Thiehoff: „Da liegen gewaltige Ressourcen brach.“

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