Der amerikanische Videokünstler Bill Violahat in Deutschland eine starke Fangemeinde.
Ein Engel kommt selten allein

Er ist ein internationaler Star. Und das obwohl seine Kunst hohe Ansprüche stellt: an die Geduld des Betrachters, an sein kunsthistorisches Wissen, an seine Bereitschaft, sich auf Emotionen einzulassen. Doch gerade das sind Vorgaben, die Bill Viola im seichten Kunstbetrieb unserer Tage eine Sonderstellung sichern.

Der 53-jährige New Yorker hat in Deutschland eine starke Präsenz. 1993 wird er mit dem ersten deutschen Medienkunstpreis ausgezeichnet, den das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe und das Siemens Kulturprogramm verleihen. Im letzten Jahr zeigte das Deutsche Guggenheim Berlin seinen Videoraum „Going Forth By Day“, in dem er mit breitem epischem Atem und modernster Technologie an die altitalienische Kirchenmalerei anknüpft. Die Fixierung auf die Alten Meister ist für Viola ein existenzieller Akt: „Ich wollte in diese Bilder eindringen, sie mir einverleiben, sie bewohnen, um ihren Atem zu spüren“.

Im Gasometer Oberhausen ist bis zum Herbst die gigantische Installation „Five Angels for the Millenium“ zu bestaunen, und gerade hat Viola für das Düsseldorfer Verwaltungsgebäude des Energiekonzerns Eon ein Auftragswerk fertiggestellt, das mit der Fotokunst auf Dauer der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

„Living Witness“ ist der Titel dieser Installation, die auf zwei Seite an Seite platzierten Plasmabildschirmen den leidenden Menschen in die Weite des kalifornischen Owens Valley stellt. Die Lebensreise ist auch hier das Thema, getränkt mit kontrolliertem Schmerz. Aus winzigen Punkten in der Tiefe der Landschaft wachsen zwei unaufhaltsam auf den Betrachter zuschreitende Figuren zu Dreiviertelporträts, die weinen und langsam wieder in der unendlichen Weite verschwinden.

Viola begann diese Arbeit am 8. März kurz vor dem Irakkrieg: „Am Vorabend eines grausamen und arroganten Krieges, der Welt aufgezwungen von Irren, die trunken sind von der Macht unseres eigenen Landes“. Violas Text zu diesem Werk ist nicht frei von Pathos, das im übrigen vielen seiner Werke angelastet wird. Wenn es auf Personen bezogen ist, ist es ein Pathos, das in sich selbst ruht wie in den Werken von Masaccio und Dieric Bouts.

Die gefrorenen Gesten der alten Malerei will Viola zum Leben erwecken. Das geschieht mit einer Hochgeschwindigkeitskamera, deren Phasentechnik den Ausdruck steigert, indem sie alle Facetten einer Emotion sichtbar macht: in unendlich gestreckten Bewegungsabläufen. Das Fehlen einer „spirituellen Mitte“ wurde diesen Installationen angekreidet. Doch sie ist nicht das Ziel der Bewegungsabläufe: Hier wird die religiöse Aura des Tafelbildes vermenschlicht, die erstarrte Emotion aufgebrochen: „Ich wollte den Raum zwischen den Emotionen öffnen – emotionaler Ausdruck als kontinuierlicher Fluss“.

Violas Bildwelt ist erst seit den 90er-Jahren von der Kunstgeschichte beeinflusst. Zunächst studiert er fremde Kulturen. Ein Stipendium ermöglicht es ihm 1980 in Japan neben der Videotechnologie auch die Zen-Lehre zu verinnerlichen und sich gleich danach der religiösen Kunst Tibets zu widmen.

Ab 1992 entsteht dann eine Serie von Installationen, die um die Themen Lebensweg, Geburt, Tod, Schlaf, Läuterung kreisen. Im „Nantes Triptych“ flankieren eine Sitzgeburt und das Sterben einer alten Frau eine Mitteltafel, die einen im Wasserstrudel schwebenden Körper zeigt. In späteren Videos geht der Mensch in elementarem Läuterungsprozess durch Wasser und Feuer („The Crossing“, 1998).

Auch die im mystisch verdunkelten Oberhausener Gasometer auf monumentalen Leinwänden ausgebreitete Installation „Five Angels for the Millenium“ zielt auf Katharsis durch Naturelemente. Ein Körper durchbricht die Wasseroberfäche, er steigt auf und sinkt zurück, bis sich der Wasserstrudel beruhigt. Das Ganze erscheint fünffach in wechselndem Licht, in wechselnden Farben. Doch das Werk lässt uns kalt. Es überrumpelt durch seine Dimension, aber es ist abgesehen von dem Wassergeräusch bar jeder Emotionen und Affekte. Die Rettung der Welt (Viola: „Wir brauchen Engel“) durch Unterwasserboten bleibt im Vagen, auch wenn hier der Schöpfungsmythos, Geburt, Tod und Auferstehung gemeint sind. Das Format erschlägt die Botschaft.

Dass dieses 700 000 Dollar schwere Monumentalwerk inzwischen von der Londoner Tate Modern, dem New Yorker Whitney Museum und dem Centre Pompidou angekauft wurde, muss nicht für seine Ausnahmequalität sprechen. Viola- Installationen ziehen Publikum an, und dann erst ein Werk solcher Dimensionen ...

Viola selbst, der seit 1992 der Londoner Galerie d’Offay verbunden ist, bezieht sich auch als Marktstratege auf die Renaissance. Anlässlich der Vorstellung seines Auftragswerks für die Eon beschwor er die Symbiose von Mäzenatentum und Künstlertum, das sich nur in einem sicheren ökonomischen Freiraum entfalten könne. Damit meint er auch die aufwendige technische Realisierung, die beispielsweise für seine Berliner Guggenheim-Installation 150 Mitwirkende erforderte. Wohl dem Künstler, der in wirtschaftlichen Krisenzeiten noch solche Möglichkeiten hat.

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