Der Mann aus Bonn
Friedrich Nowottny wird 85

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Alles ganz unscheinbar

Nowottny wuchs in Hindenburg in Oberschlesien auf, zehn Minuten von der polnischen Grenze. Beim Überfall auf Polen war er zehn Jahre alt. „Ich weiß, wie es ist, wenn der Krieg vor der Tür steht“, sagt er. „Ich weiß auch, wie das Ende war. Ich war als 15-, 16-Jähriger im Volkssturm, mit 'ner Panzerfaust ausgestattet.“

Nowottny wohnt vor den Toren Bonns in dem Ort Swisttal. An den Wänden hängen gesammelte Karikaturen, zum Beispiel ein Bild aus dem Loriot-Zeichentrickfilm, in dem er Helmut Schmidt interviewt. Nach Nowottnys Geschmack ist das Bild zu groß und zu aufwendig gerahmt, aber es ist ein Geschenk.

Über Schmidt sagt er: „Der muss inzwischen darauf achten, dass er nicht selig gesprochen wird.“ Und da ist es dann plötzlich, jenes wissende, leicht spöttische Schmunzeln, das man von früher kennt, wenn er am Ende der Sendung „Auf Wiedersehen - das Wetter“ sagte. Diese Worte erschienen immer wie der passende Kommentar zu allen Politikerphrasen, die man vorher gehört hatte. „Auf Wiedersehen - das Wetter.“ Besser konnte man's nicht sagen.

Abgesehen von den Karikaturen fehlt jeder Hinweis darauf, dass Nowottny einmal einer der bekanntesten Fernsehleute und anschließend zehn Jahre WDR-Intendant war. Im Wohnzimmer eine alte Sofagarnitur, alles ganz unscheinbar.

Wenn man ihn darauf anspricht, zieht er einen Bildband des Fotografen Josef Darchinger hervor. Auf dem Titel ist der zerbombte Reichstag zu sehen. Es folgen Bilder von Kindern in Trümmerlandschaften, Flüchtlingsheime. „In so einem Heim hat meine Frau gewohnt“, sagt er.

Die ersten D-Mark-Scheine. „So sah das Geld aus.“ Ein junger Helmut Schmidt mit der Lokalzeitung „Freie Presse“ in der Hand. „Da hab ich angefangen.“ Er klappt das Buch wieder zu. War's früher besser als heute? „Nein“, sagt er. „Es war nur bescheidener.“

Neulich ist ihm durch Zufall sein allererster Zeitungsartikel in die Hände gefallen, eine Meldung über einen Autounfall im Jahr 1948. Er hat alles aufgehoben, sogar die Tischkärtchen der Empfänge und Abendessen, zu denen er eingeladen war. Ein ganzes Regal ist voller Fotos.

Er greift hinein und fischt ein Bild heraus, das ihn im Gespräch mit Kanzler Kohl zeigt. Kohl wirkt riesig, Nowottny hobbithaft klein. Was soll aus all den Erinnerungen werden? Nowottny muss wieder schmunzeln. „Ich nehm das und werf das in den Müll.“ Er will den Keller aufgeräumt hinterlassen.

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Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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