Der Monat November
Nebelung im Neunten

Der November ist ein überraschend sprunghafter Monat, im Kalender wie an der Börse. Doch viele verbinden mit ihm nur Nebel, dunklere Tage und Melancholie – aus vielerlei Gründen völlig zu Unrecht. Ohne ihn wären wir ganz schön arm dran.

Gestern war Allerheiligen, da durften wir alle miteinander Namenstag feiern, denn einen Vornamen hat schließlich jeder, sogar Osama bin Laden. Heute ist Allerseelen, da denken wir Namenstagskinder daran, dass wir nach all der Feierei hinfällig sind, letztlich sogar moribund und uns allerletztlich zu Staub und Asche verkrümeln.

Der November, darauf wollen wir hiermit hinaus, fängt als ein Monat voller interessanter Widersprüche an, schwingt sich gegen Monatsmitte zu einer gewissen Lustigkeit auf (Älfter im Älften!) und endet am 30. November mit dem Ende der Abfackelerlaubnis für trockene Gartenabfälle, jedenfalls im Landkreis Börde. Allein diese spektakulären Glanzlichter sind es wert, den Monat November ein wenig zu rehabilitieren, der bislang so etwas wie das Jammertal des Jahreskreises darstellte, und zwar aus vielerlei Gründen völlig zu Unrecht.

Der November kann, ganz im Gegenteil, eine Zeit heiterer Beschwingtheit, fröhlicher Zuversicht und erstaunlichen Possenreichtums sein. Dafür steht schon sein Name, der sich bekanntlich aus dem lateinischen „novem“ ableitet und für den neunten Monat steht, was kalendarisch natürlich vollendeter Quatsch ist, es sei denn, man ist schwanger.

Der Lateiner, lehrt uns das Lexikon, verlegte 153 v. Chr. den Kalender um jene zwei Monate vor, die auch den November ins Trudeln brachten und den Weltgeist zu einer gewissen Ratlosigkeit, wahrscheinlich aber nur einige Nanosekundenbruchteile lang.

Vielleicht in der Absicht, der Latinisierung der Hochsprache ähnlich den Garaus zu machen, wie wir das heutzutage mit der Bekämpfung der Anglisierung übertreiben – in dieser Absicht kriegte der November irgendwann den germanophilen Titel „Nebelung“ verliehen. Möglich, dass es mal Zeiten und Örtlichkeiten gab, wo und als die Bezeichnung „Nebelung“ mit der Realität halbwegs übereinstimmte, etwa zu Lebzeiten des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin (1799 - 1837), der im „Eugen Onegin“ klagte: „Im Nebel welkt das letzte Grün; / Geschwader wilder Gänse ziehn / Hellkreischend südwärts; ödes Wetter,/ Des Jahres schlimmste Zeit begann: / Schon rückt November grau heran.“

Das ist als Poesie gut, aber weltklimatologisch bzw. -meteorologisch gesehen ist Puschkins Klage durchaus diskussionswürdig.

Die November seien auch nicht mehr das, was sie waren, mit diesen Worten wühlte neulich eine Kollegin ein Meeting auf, in dem eigentlich dieses und jenes erörtert werden sollte. Bald verhakte sich die Runde aber im Wetter generell, im November speziell und in der bangen Frage, ob dieser Monat sich, im Wege des Klimawandels womöglich, eventuell verflüchtigen oder vielleicht nach hinten, in den Dezember, Richtung Advent und Weihnachten und Neujahr, verändern könne.

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