Der Papst in Auschwitz
„An diesem Ort versagen die Worte“

Zum Abschluss seiner Polen-Reise hat Benedikt XVI. Auschwitz besucht. Alleine schritt der deutsche Papst mit ernster Miene und gefalteten Händen durch das Tor des ehemaligen Nazi-Vernichtungslagers. Benedikt erklärte, er betrete das Lager als „Sohn Deutschlands“ – ein schwerer Gang.

KRAKAU/AUSCHWITZ. In einer ergreifenden Rede rief der Papst in Auschwitz zu Versöhnung und Vergebung auf. „An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen“, sagte der 79-jährige Kirchenführer vor dem Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem „Ort des Grauens“ zu sprechen, sei besonders bedrückend für „einen Papst der aus Deutschland kommt“.

Benedikt XVI. sprach in italienischer Sprache vor ehemaligen Lagerhäftlingen und Juden aus aller Welt, in unmittelbarer Nähe zu den Ruinen der Krematorien, in denen mehr als eine Million meist jüdischer Häftlinge ermordet wurde: „In solchem Schweigen verbeugen wir uns ... vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben.“

Zuvor war der deutsche Papst alleine durch das Lagertor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ geschritten. Langsam ging er die Straße entlang zum Todesblock. Nur Glockengeläut unterbrach die vollständige Stille, als der 79-Jährige Kirchenführer und sein Gefolge durch das Lager gingen, das zum Symbol des nationalsozialistischen Terrors und des Holocaust wurde. Vor der Todeswand, an der tausende Häftlinge erschossen worden waren, verharrte der Papst in stillem Gebet und verneigte sich anschließend tief. Zwei ehemalige Häftlinge überreichten ihm eine Kerze, die er vor der Todeswand anzündete. Eine Gruppe von 32 ehemaligen Häftlingen, unter ihnen Polen, Juden und Roma, stand entlang des Zellenblocks, dessen Fenster mit Holzbrettern vernagelt waren.

Der frühere Kardinal Joseph Ratzinger begrüßte jeden einzelnen der zum Teil gebrechlichen ehemaligen Häftlinge, die Halstücher mit den blau-weißen Streifen der Lagerkleidung und Schilder mit ihren Häftlingsnummern trugen. Er küsste die Wangen eines alten Mannes und streichelte die Hände einer Frau, als sie einige Worte mit ihm wechselte. Im unterirdischen, fensterlosen Teil des Todesblocks suchte der Papst anschließend die Zelle des Franziskanerpaters Maximilian Kolbe auf, der an Stelle eines Familienvaters in den Hungerbunker gegangen und 1982 heilig gesprochen worden war.

Mit dem Besuch in Auschwitz beendete der Papst seine Polen-Reise. Der Auschwitz-Besuch sei ursprünglich nicht geplant gewesen, sagte Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Valls. Aber der Papst habe gesagt: „Ich möchte dorthin gehen, ich muss dorthin gehen.“ Mit Spannung wurde die Rede des Papstes am frühen Abend erwartet.

» Bilderstrecke: Der Papst in Polen

Papst Benedikt hatte angekündigt, er wolle das Lager als „Sohn Deutschlands“ besuchen und damit als Vertreter des Landes, von dem die nationalsozialistische Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg ausging. Allein in Auschwitz wurden 1,5 Millionen Menschen ermordet. Unter den Opfern waren viele Polen. Der heute 79-jährige Benedikt war selbst während des Krieges Mitglied der Hitler-Jugend, wie es damals Pflicht war.

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