Der Papst in Bolivien
Schein wahren für Franziskus

Palmasola hört sich fast nach Paradies an. Ist aber eines der berüchtigtsten Gefängnisse Boliviens. Papst Franziskus traut sich hinein - doch der hohe Besuch hat für einige unschöne Nebenwirkungen.
  • 0

Santa CruzFür den Papst haben sie eine heile Welt hergerichtet. Der Innenhof ist bestuhlt, es sieht aus wie bei einer normalen Messe. Der Unterschied: Auf den Stühlen sitzen fast 5000 Häftlinge. Nachdem Franziskus durch das große Eisentor gefahren ist, umarmt er Insassen eines der berüchtigtsten Gefängnisse Boliviens. Und Kinder, die hier mit ihren Eltern leben (müssen). Einen Säugling küsst er auf den Kopf, später liegt ein Kind in seinem Schoß. Der Jesuit nimmt sich viel Zeit.

Palmasola. Was sich nach Palmen und Sonnen anhört ist ein trüber Ort des Elends, der Gewalt, kaum jemand sitzt rechtskräftig verurteilt ein. Einige sprechen von der Hölle auf Erden. Es ist eine riesige, von Mauern umgebene Wellblechsiedlung nahe der größten Stadt Boliviens, Santa Cruz. Bei der Papamobil-Fahrt durch die Gefangenenstadt rennen Häftlinge zu ihm, küssen seine Hand. Der Besuch am Freitag setzt auch den linken Präsidenten Evo Morales unter Druck, etwas an diesen Verhältnissen zu ändern.

Unter lautem Beifall der Gefangenen nennt es Bischof Jesús Juárez einen „Justizskandal“, dass 84 Prozent der Häftlinge in Bolivien ohne Urteil einsitzen. Ein Häftling berichtet aus seinem Leben, Palmasola sei wie „Sodom und Gomorra“. Der Papst sendet zwei Botschaften. An die Gefangenen: Leiden und Entbehrung ließen das Herz oft egoistisch werden. „Der Teufel sucht die Gewalt, die Spaltung.“ Haltet zusammen, helft Euch. Der Glauben, das Gebet, hätten schon Petrus und Paulus geholfen, Haft zu überstehen. Und es gebe die zweite Chance: Haft sei nicht gleich Ausschließung.

Die andere Botschaft ist unmissverständlich. Sie richtet sich das Gefängnispersonal von Palmasola: Sie hätten die Aufgabe Würde zu verleihen, statt zu erniedrigen, zu demütigen. Sie müssten eine Logik vorleben, „die darauf abzielt, dem Menschen zu helfen“.

Doch der Freitag ist nicht die Realität. Das Leid macht an diesem Tag Pause. Am Tag zuvor sah die Realität aus Sicht von Angehörigen so aus: Daniela Rodríguez steht mit ihrem Sohn Neymar in einer Pfütze vor hohen Mauern. Weil der Papstbesuch vorbereitet wird, dürfen Neymar und seine Mutter nicht rein. Normalerweise sind Besuche möglich. Gegen Geld. Neymar, benannt nach Brasiliens Fußballstar, hat Geburtstag. Er wird zwei Jahre alt. Nun ist der Papst indirekt schuld, dass er seinen Vater nicht in die Arme schließen kann. Da kann ein Lolli nur bedingt Trost spenden.

Seite 1:

Schein wahren für Franziskus

Seite 2:

„Wer Geld hat, ist hier der König“

Kommentare zu " Der Papst in Bolivien: Schein wahren für Franziskus"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%