Der Tag nach dem Amoklauf
Winnenden weint: „Ich kann das alles nicht begreifen“

Geschockt verfolgt die Öffentlichkeit das Geschehen nach dem Amoklauf mit 16 Todesopfern. Stück für Stück kommen weitere Details ans Tageslicht: Chatprotokolle aus der Nacht und ein Video von den letzten Lebensminuten des Täters tauchen auf, die Suche nach einem Motiv trägt erste Früchte und die Herkunft der Waffe ist geklärt. Doch auch wenn bald alle Fakten auf dem Tisch liegen – Schmerz und Fassungslosigkeit werden noch lange anhalten.

HB WINNENDEN. Am Tag nach dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden herrscht den ganzen Tag über Belagerungszustand am Schulzentrum der Stadt. Mehrere Dutzend Fernsehteams sind am Donnerstag angereist, um über das, was für viele Anwohner der Stadt noch unfassbar erscheint, zu berichten. Viele Winnender scheinen am Tag danach Anteilnahme nehmen zu wollen. Vor der Schule entzünden Eltern, Schüler und Anwohner der Stadt ein Meer von Kerzen und legen Blumen nieder. Auf Plakaten und Zetteln fragen sie nach dem "Warum" der Tat oder erinnern an die Getöteten. Es herrscht tiefe Trauer und Bestürzung. Immer wieder fallen sich Jugendliche schluchzend in die Arme. Viele werden von ihren Eltern oder Freunden begleitet und gestützt.

Auch Irmgard Sommer sucht mit einem Strauß Blumen in der Hand den Weg an die Albertville-Realschule, an der am Mittwoch Tim K. seine grausige Tat begann. In der Schule erschoss der 17-Jährige, der offenbar seine Tat zuvor in einem Chatroom im Internet angekündigt hat, insgesamt neun Schüler, davon acht Schülerinnen, sowie drei Lehrerinnen, bevor er auf seiner Flucht weitere drei Menschen und schließlich sich selbst tötete. Auch der Computer des Täters wurde inzwischen ausgewertet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fanden sich dort unter anderem zahlreiche Pornobilder. Ermittelt wurde auch, dass sich der 17-Jährige mit Gewaltspielen beschäftigte, darunter "Counter-Strike".

Der Chatroom-Eintrag in der Nacht zuvor begann mit den Worten: "Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt". Es sei "immer dasselbe - alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial". Mit den Worten "Ich meine es ernst" soll der 17-Jährige seine Amoklaufdrohung dann noch untermauert haben. Der Name "Bernd" wird in dem Forum für nicht-registrierte User verwendet. Die Internetseite, eine Kopie eines amerikanischen Amok-Forums, ist mittlerweile nicht mehr erreichbar.

Die Motivlage von K. ist auch am Donnerstag noch unklar. Zu Frauen habe der 17-Jährige ein "normales Verhältnis" gehabt, sagte Siegfrid Mahler von der Staatsanwaltschaft Stuttgart und wies damit Spekulationen über ein mögliches Motiv wegen Hass gegenüber Frauen zurück. Ermittlungen ergaben allerdings, dass K. sich in psychiatrischer Behandlung wegen Depressionen befunden hatte. Die Behandlung hatte er abgebrochen. Im Internet schrieb er, dass er Waffen besitze und am Morgen an seine frühere Schule gehen werde, und dort, so wörtlich, "mal so richtig gepflegt grillen". Zudem tauchte am Donnerstag im Internet auf der britischen Nachrichtenseite sky.com ein offenbar von Augenzeugen mit einem Mobiltelefon gedrehtes Video auf, das die letzten Lebensminuten des Täters bis zum finalen Schusswechsel mit der Polizei dokumentiert.

Die Tatwaffe hatte der 17-Jährige den Ermittlungen zufolge aus dem Schlafzimmer seines Vaters entwendet. Die Munition könne er aus Waffenschränken des Vaters haben, für die er möglicherweise die achtstellige Zahlenkombination kannte. Gegen den Vater wird laut Staatsanwaltschaft aber bislang nicht ermittelt. Falls sich im weiteren Verlauf der Untersuchungen herausstellen sollte, dass dieser Kenntnis von den Absichten seines Sohnes hatte, müsse ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung geprüft werden.

Auch am Tag nach dem "Massaker von Winnenden", wie die Tat in den Medien bezeichnet wird, ist Irmgard Sommer noch sprachlos. "Ich kann das alles nicht begreifen. Das ist einfach nur furchtbar", sagt sie unter Tränen. Hass auf den Amokläufer habe sie aber nicht. Das sagen auch viele andere. "Mir tun die Eltern von ihm nur so leid", fügt Sommer hinzu. Ihr 14-jähriger Enkel ist Schüler des benachbarten Gymnasiums. Lange habe sie am Mittwoch nach der Tat nicht gewusst, was mit ihm sei, berichtet Sommer.

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