Der Wirtschaftsbeschleuniger

Was Marktwirtschaft mit Evolution zu tun hat

Wer sich mit der Evolution beschäftigt, wird feststellen, dass Erfolg auf Zufall basiert. Lässt sich das System des Trial & Error auch auf die Marktwirtschaft übertragen? Oder brauchen wir hier den großen Masterplan?
Kommentieren
Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.
Der Autor

Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.

Intuitiv denken wir, dass Weltkonzerne ewig existieren. Doch was glauben Sie, wie viele Unternehmen, die 1912 zu den bedeutendsten der Welt gehörten, um die Jahrtausendwende immer noch Big Player waren? Nicht sehr viele. Vor einiger Zeit untersuchte der Wirtschaftshistoriker Leslie Hannah die Vergänglichkeit von unternehmerischem Ruhm und fand heraus, dass zehn Prozent aller Großkonzerne innerhalb des ersten Jahrzehnts schon wieder verschwanden. Mehr als die Hälfte wurden in den folgenden Jahren aufgelöst. Von den Top-500 US-Konzernen 1960 gehörten 50 Jahre später nur noch rund 70 dazu. Der Rest war mit der Zeit geschrumpft, wurde aufgekauft oder ist pleitegegangen.

Und diese Entwicklung beschleunigt sich derzeit sogar noch. Nach einer Studie der Cambridge University beträgt die derzeitige durchschnittliche Lebenserwartung eines internationalen Konzerns zwischen 12 und 18 Jahren. Also in etwa so lange wie das Leben eines Hundes. Wenn Sie sich morgen einen Labrador-Welpen anschaffen, wird er wahrscheinlich die meisten Konzerne, die sie kennen, überleben. Vielleicht sollten Sie für Ihre Altersvorsorge nicht in Google- oder BMW-Aktien investieren, sondern sich lieber an Fressnapf beteiligen.

Ob es uns gefällt oder nicht, aber jede Form von Marktführerschaft ist stets an Ort und Zeit gebunden. Oder wie es Bill Gates einmal treffend ausdrückte: „Wir sind immer 18 Monate vom Untergang entfernt“
Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter bezeichnete dieses Phänomen als „Schöpferische Zerstörung“. Als James Watt die Dampfmaschine erfand, wurden tausende zehnjährige Jungen arbeitslos, die die Kohleloren durch die Stollen geschoben haben. Andererseits hatten sie damit die Freiheit, andere Dinge in Angriff zu nehmen. Zum Beispiel elf zu werden.

Vor einigen Jahren analysierte der Ökonom Paul Ormerod die Aufzeichnungen von Leslie Hannah zu Unternehmenspleiten und verglich sie mit Daten aus Fossilienfunden der letzten 500 Millionen Jahre. Sein Ergebnis: Biologisches Artensterben und Unternehmenspleiten gehorchen einem ganz ähnlichen mathematischen Muster. Ein ziemlich guter Hinweis darauf, dass unsere Ökonomie tatsächlich nach evolutionären Mechanismen funktioniert.

Nach dem Grauen kam das Kapital

Die Evolution verfolgt keinen übergeordneten, langfristigen Masterplan. Sie ist eine zufällige Spielwiese für Gene. Das Prinzip von Trial & Error. Wenn etwas halbwegs funktioniert, wird es beibehalten, wenn nicht, dann eben nicht. Die Evolution bedient sich der zur Verfügung stehenden Ressourcen und verbindet sie unorthodox und einfallsreich zu etwas Neuem.

Genauso wie in der Marktwirtschaft auch. Einst stand die Firma Unilever vor dem schwer zu lösenden Problem, eine bestimmte Düse zu entwickeln. Daher kreierten die Entwickler zehn beliebige Varianten, testeten sie und behielten die am besten geeignete bei. Von der fertigten sie wieder zehn leichte Abwandlungen und so weiter. Nach 45 Zyklen hatten die Ingenieure eine komplizierte Düse entwickelt, die genau das tat, was sie wollten und bestens funktionierte. Das Trial & Error-Prinzip hatte ineffektive Berechnungen und akribische Planungen geschlagen. Und zum Schluss kam etwas dabei heraus, das den Anschein erweckte, es sei von Anfang an geplant gewesen.

Auch auf Katastrophen reagieren beide Systeme mit erstaunlichen Erholungs- und Wachstumsphasen. Nach dem Massensterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren war der Platz frei für die höchst erfolgreiche Ära der Säugetiere. Die große Pestwelle im 14. Jahrhundert tötete zwei Drittel der europäischen Bevölkerung, aber ließ Hab und Gut völlig intakt zurück. Nach dem Grauen blieb demnach ungeheuer viel Kapital übrig, das es den Überlebenden ermöglichte, aus dem Vollen zu schöpfen. Das wirtschaftlich und künstlerisch blühende Zeitalter der Renaissance entstand.

All das zeigt: Das Prinzip von Trial & Error schlägt eindeutig das Prinzip der langfristigen Planung. Große Strategien werden regelmäßig durch unvorhersehbare Ereignisse ausgehebelt. Nicht ein intelligenter Designer steuert den Laden, sondern das unberechenbare Element.

Natürlich möchte ich hier keinesfalls so weit gehen und behaupten, dass eine effiziente, langfristige Planung in Konzernen nicht möglich ist. Sonst könnte man ja auch Konzernvorstände durch dressierte Schimpansen ersetzen. Obwohl …?

Mehr zu diesem Thema finden Sie im aktuellen Buch „Unberechenbar: Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen“ oder unter www.vince-ebert.de. Quelle: https://michaelberryphysics.files.wordpress.com/2013/07/berry174.pdf

Startseite

0 Kommentare zu "Der Wirtschaftsbeschleuniger: Was Marktwirtschaft mit Evolution zu tun hat"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%