Deutsche Pflegeheime sind Pioniere: Phantomhaltestelle hilft Demenzkranken

Deutsche Pflegeheime sind Pioniere
Phantomhaltestelle hilft Demenzkranken

Demente, die in einem Heim leben, haben häufig den Drang ihre neue Heimat zu verlassen. In einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ist das Kurzzeit-Gedächtnis nahezu vollständig gelöscht. Erinnerungen an die eingene Wohnung und ehemalige Verpflichtungen, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind, bringen die Kranken dazu, nach Hause fahren zu wollen. Eine „künstliche Bushaltestelle“ kann dieses Problem lösen.

DUESSELDORF HB. Orientierungslos läuft eine alte Dame durch die Flure des Düsseldorfer Pflegeheimes. „Ich muss dringend nach Hause. Mein Mann kommt gleich von der Arbeit zurück und, ich muss noch kochen.“ Die Pfleger wissen, dass der Mann längst nicht mehr lebt und auch die Wohnung der alten Dame seit Jahren nicht mehr existiert. Dennoch gehen sie auf den Wunsch der Frau ein und schicken sie zur Bus-Haltestelle vor das Seniorenheim. Doch der Bus wird nie kommen. Denn die Haltestelle ist eine Attrappe.

Immer mehr Alten- und Pflegeheime in Deutschland sorgen mit solchen „Phantom-Haltestellen“ dafür, dass ihnen die Bewohner nicht abhandenkommen. Fünf Minuten wird die Dame auf der Bank an der Haltestelle sitzen, dann hat sie vergessen, dass sie eigentlich nach Hause fahren wollte.

„Eine Viertelstunde später geht dann ein anderer Pfleger hin und sagt, dass der Bus ausfällt oder dass die Tochter gleich zu Besuch kommt und die Dame doch schon mal Kaffee aufsetzen soll“, berichtet Heimleiter Richard Neureither. Er ist auf Kritik vorbereitet: „Wenn die Angehörigen das hören, denken sie erstmal: „Die veräppeln die Leute doch!“.“ Doch die Demenzkranken leben in ihrer eigenen Welt. „Mit rationalen Argumenten sind sie nicht davon abzubringen wegzulaufen. Man muss sie in ihrer Realität da abholen, wo sie sind.“

82 Menschen leben in dem Seniorenzentrum im Düsseldorfer Süden. Rund 70 von ihnen sind dement. Während lange zurückliegende Ereignisse in Erinnerung bleiben, ist die Gegenwart für sie schnell vergessen. „Die befinden sich dann schon im Endstadium der Krankheit. Das Kurzzeit-Gedächtnis ist in der Regel komplett gelöscht“, sagt Neureither: „Sie können nichts mehr lernen. Wenn man nach 15 Minuten wieder ins Zimmer kommt, kann man das Gespräch, das man eben noch geführt hat, wieder von vorne anfangen.“ Das Langzeit-Gedächtnis funktioniere wesentlich besser. „Die wissen noch genau, wo sie gewohnt haben; und auch an die Bedeutung von Schlüsselsymbolen, wie eben an das grüne H der Bushaltestellen, können sie sich genau erinnern“, erklärt Neureither.

Ein Pionier der „Phantom-Haltestelle“ ist der Vorsitzende des Düsseldorfer Hilfsvereins „Alte Löwen“, Franz-Josef Göbel: „Die Alternative wäre ja, die Dementen wegzusperren oder mit Medikamenten ruhigzustellen“, verdeutlicht Göbel. Da die Bewohner freie Menschen sind, seien die Pfleger jedoch gar nicht befugt, sie festzuhalten, betont Heimleiter Neureither: „Außerdem werden die Demenzkranken natürlich aggressiv, wenn wir versuchen sie aufzuhalten und ihnen sagen, dass sie nicht gehen dürfen.“ Die falsche Haltestelle sei eine Möglichkeit, die Gefühle der Bewohner ernst zu nehmen. Sie können sich wie ganz normale Bürger benehmen.

Der Drang wegzugehen ist vor allem bei den „neuen“ Heimbewohnern stark ausgeprägt, schildert der Experte. „Gerade in den ersten Tagen fragen sie sich: „Was soll ich denn hier?““, berichtet Neureither. „Und es treiben sie Sorgen um wie: „Wer soll das denn alles bezahlen?“ Dann wollen sie unbedingt nach Hause.“ Einmal im Monat müsse er trotz „Phantom-Haltestelle“ die Polizei alarmieren, weil die Demenzkranken einfach nicht mehr aufzufinden seien. „Wenn jemand nicht gefunden wird, dann ist das wirklich dramatisch. Gerade wenn er bei den niedrigen Temperaturen im Winter draußen übernachten muss.“

In Deutschland sind mehr als eine Million Menschen an Demenz erkrankt, Tendenz steigend. Die Idee mit den Haltestellen scheint sich derweil durchzusetzen: Auch Heime in München, Remscheid, Wuppertal, Herten, Dortmund und Hamburg setzen inzwischen auf Haltestellen, an denen höchstens zufällig mal ein Bus stoppt.

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