Deutschland-Kampagne
„Du bist optimistisch“

Die ungewöhnlichste Aktion des Jahres: Eine Werbekampagne versucht, den Deutschen das Jammern abzugewöhnen. Ob's klappt?

HB DÜSSELDORF. "Ich soll Ludwig Erhard sein? Glauben, dass ein Wunder das Ergebnis harter Arbeit ist und den Wohlstand für alle und meinen hart erarbeiteten Erfolg mit einer Zigarre feiern?" Der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren in einer rheinischen Kleinstadt, erfolgreicher Chef eines Softwareunternehmens, nimmt es gelassen: "Immer noch besser als Beate Uhse oder Alice Schwarzer zu sein."

Im Herbst 2005 gab es plötzlich nur noch ein Thema. Über Nacht war das Land tapeziert mit Riesenpostern: "Du bist Deutschland" stand darauf. Im Fernsehen, im Kino, in den großen Zeitungen und Magazinen warben Günter Jauch, Anne Will, Ulrich Wickert, Oliver Kahn, Xavier Naidoo, Florian Langenscheidt und viele andere mehr oder weniger Prominente für eine "Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland".

Optimismus auf Kommando, mentales Training gegen deutsches Jammern in einer Zeit, "die nicht nach Zuckerwatte schmeckt"? Wer steckte hinter der Kampagne, die so gut den Zeitgeist einfängt? Verfechter des vom neuen Bundestagspräsidenten wiederbelebten Leitkulturgedankens, Pressure-Groups für die endgültige Einführung des Patriotismus oder einfach nur die neue große Koalition?

"Die Kampagne ist überparteilich und politisch unabhängig, die Bundesregierung und die Parteien sind weder inhaltlich beteiligt noch unterstützen sie diese durch Geldmittel", schreiben die Werbeagenturen Jung von Matt und kempertrautmann. Die Kreativen haben zusammen mit der PR-Agentur Fischer-Appelt "Du bist Deutschland" im Auftrag von 25 deutschen Medienunternehmen entwickelt. Federführung hatte der Bertelsmann-Konzern, Initiator war Vorstandsvorsitzender Gunter Thielen. Wegen der vorgezogenen Wahl habe man auch den Start von Juli auf Ende September verschoben.

Was ist das für ein Land, in dem die Bürger von Werbeprofis dazu aufgefordert werden müssen, mehr Zuversicht zu haben, mehr Eigeninitiative zu entwickeln, mehr positive Selbstwahrnehmung? Im Ausland wurde mit Staunen über die Aktion berichtet. Stolz verweisen die Initiatoren auf Artikel in der New York Times, in japanischen, chinesischen, britischen, spanischen, norwegischen Zeitungen.

"Ja, wir Deutschen können tatsächlich mehr Selbstvertrauen und positives Denken gebrauchen. Aber Mentalitäten ändern sich meist nur langsam - oder unter extremem Leidensdruck, aber den meisten Deutschen geht es weiterhin gut", meint dazu Lutz Leisering, Soziologieprofessor in Bielefeld, Vorstand des Instituts für Weltgesellschaft. "Auch pfiffig gemachte Kampagnen sind da nur Tröpfchen auf einem Stein."

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