Die Menschen improvisierten schnell
New Yorker ertragen Stromausfall gelassen

New York bei Nacht ist ein Spektakel für sich. Am Broadway und am Times Square wetteifern Reklametafeln und Hochhäuser mit bunten und grellen Lichtern um die Aufmerksamkeit der Passanten. Das Empire State Building, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wieder der größte unter den Wolkenkratzern New Yorks, nimmt die Farben der US-Flagge an. Der größte Stromausfall in der amerikanischen Geschichte ließ nun aber das gleißende Lichtermeer am Donnerstagabend gar nicht erst entstehen: als die Sonne unterging, versank Manhattan mit in die Dunkelheit.

Reuters NEW YORK. Die Menschen, ob Einwohner, Pendler oder Touristen, trugen es nach den ersten Schreckminuten mit Fassung und improvisierten. Aber die Erinnerung an das Schicksal derer, die vor beinahe genau zwei Jahren im World Trade Center waren, sitzt nicht nur den Einheimischen noch tief in den Knochen.

Als am späten Donnerstagnachmittag gegen 16.11 Uhr Ortszeit das Stromnetz im Nordosten der USA und in Kanada seinen Dienst verweigerte, bricht in der Millionenmetropole an der Mündung des Hudson so ziemlich alles zusammen, was kein Notstromaggregat hat: die U-Bahnen bleiben in den stickigen heißen Tunneln einfach stehen, Aufzüge stecken fest, die Brücken in Richtung Manhattan werden gesperrt, die Flughäfen zeitweise geschlossen. Am Broadway gehen am Abend die Lichter gar nicht erst an, 25 Shows werden abgesagt. Und im Shea Stadion fällt das Baseball-Spiel der Mets gegen die San Franciscon Giants aus.

„Wir schaffen das, hey wir sind New Yorker“, fasst Anwalt Bill Binckes Mut, während er über die Brooklyn Bridge bei 33 Grad Hitze nach Hause trottet.

350 000 Menschen zeitweise in U-Bahn-Tunneln eingeschlossen

Vor allem der Zusammenbruch des gesamten U-Bahnnetzes stellt die Menschen wohl vor die größte Herausforderung: Tausende von Einheimischen, Pendlern und Urlaubern sitzen schlagartig im Dunkeln unter der Erde, nicht wissend, was der Grund für den Stillstand ist. Dwayne Griffin, ein Bundesangestellter, der in einem U-Bahn-Zug zwischen zwei Stationen in Manhattan eingeschlossen war, berichtet wie ein Mann mit einem Feuerzeug die verängstigten Passagiere einen nach dem anderen durch den stockdunkeln Tunnel führt.

Später - teilweise Stunden später - helfen U-Bahn-Angestellte den schwitzenden, schmutzigen Passagieren ins Freie. „Es hat rund zweieinhalb bis drei Stunden gedauert, bis wir alle evakuiert hatten“, erklärte die Sprecherin der New Yorker U-Bahnbetriebe, Desidre Parker. Insgesamt waren rund 350 000 Menschen in den Tunneln eingeschlossen. Täglich transportieren die New Yorker U-Bahnen, deren Benutzung angesichts des in der Regel verstopften Straßennetzes in Manhattan kaum zu vermeiden ist, rund sieben Mill. Menschen. Die New Yorker U-Bahn gilt als die größte in den USA.

Während sich die Menschen unter der Erde in Geduld üben müssen, bricht über der Erde zwar keine Panik, aber doch Chaos aus. Die Brooklyn Bridge, das stolze Wahrzeichen der Stadt nicht weit vom Finanzzentrum an der Wall Street entfernt, ist voller Autos und Fußgänger, die alle nur raus wollen - ganz so wie vor knapp zwei Jahren ist der Verkehr nur in eine Richtung erlaubt: nach Brooklyn.

„Wir hatten harte Zeiten hier“, erklärte Sean Connolly, der Besitzer eines Restaurants in der 53. Straße Ecke 9. Avenue. „Das hat uns an Nine Eleven erinnert, alle rannten auf die Straße.“ Connolly gehört zu den Barbesitzern, die bei Kerzenschein für ihre Kunden das Beste aus der Situation zu machen versuchen. „Ich kann (die Bar) nicht die ganze Nacht aufhalten, aber ich kann solange es geht“, erklärte Connolly, der mit Hilfe eines Autoradios auch noch für Musik sorgt.

Pendler campieren auf den Straßen

Für viele Menschen in New York - vor allem Pendler und Durchreisende - war es dagegen eine sehr ungemütliche Nacht: denn die meisten Hotels schlossen ihre Lobbys, und freie Zimmer hatten sie sowieso nicht mehr. „Ich würde 200 bis 300 Dollar für ein Zimmer ausgeben, aber ich glaube nicht, dass ich was finde. Ich werde vermutlich im Büro schlafen“, erklärt Neal Rifkin, ein Buchhalter, der gerade vom Marriott Marquis - einem der besten Adressen der Stadt direkt am Times Square gelegen und mit einem Drehrestaurant sehr populär unter Touristen - abgewiesen wurde.

So verbrachten Tausende von gestrandeten Männern, Frauen und Kindern die Nacht obdachlos auf den Straßen New Yorks, auf Parkbänken oder unter Zeitungen, in einem der zahlreichen großen und kleinen Parks, in den Eingängen der Wolkenkratzer, sofern die geöffnet waren, oder in Parkgaragen oder ganz einfach auf dem Bürgersteig. Doch wie schon vor beinahe zwei Jahren, rücken auch diesmal die New Yorker enger zusammen. Private Wohlfahrtsorganisationen helfen mit Getränken und - so weit möglich - mit Fahrgelegenheiten in die nähere Umgebung aus. Einige Kirchen öffneten ihre Tore, so die St Barholomäus-Kirche an der Park Avenue. Dort lagen die Gestrandeten auf den Kirchbänken, einige schnarchend, Fußende an Fußende.

Am Schicksal ihrer wohl bekanntesten Metropole nimmt am Donnerstagabend derweil das ganze Land nahezu live teil, denn die meisten großen amerikanischen Fernsehsender haben ihre Nachrichtenzentralen nicht etwa in der Hauptstadt Washington, sondern in New York. Mit Notstromaggregaten schaffen es NBC und CBC fast non-stop direkt aus New York zu berichten.

Und dort geben die Menschen einfach nicht auf: Auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit läuft zum Beispiel David Eisenberg mit einem Schild „Maassapequa, Long Island“ über den Times Square: „Ich gebe nicht auf. Mich nimmt jemand mit. Man muss nur positiv denken."

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