Die schärfsten Kritiker kommen aus Deutschland
Porträt: Joseph Ratzinger, der Bewahrer

Vor allem in Deutschland sahen viele Katholiken, Laien wie Geistliche, ihre Bemühungen um Reformen von ihrem Landsmann in Rom verhindert. Ihre Proteste gegen die Ernennung von Bischöfen gegen den Willen der Gläubigen und gegen den von Rom verordneten Ausstieg der deutschen Bistümer aus der Schwangerenkonfliktberatung richteten sich nicht nur gegen den Papst, sondern auch gegen seinen Vertrauten Ratzinger. Ihr bitterer Witz lautete, Ratzinger habe sich ein französisches Bett gekauft: „Damit er sich auch im Schlaf noch quer legen kann.“

Dabei schien Ratzinger zu Beginn seiner Laufbahn Reformen durchaus nicht abgeneigt. Als offizieller Theologe des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 1965 stand er hinter der Botschaft vom Aufbruch der Kirche. Auch später signalisierte er größere Offenheit, etwa in Debatten mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Seinen Ruf als Hardliner, Reformblockierer und Traditionsbewahrer wurde er dennoch nicht los. Die gut 23 Jahre an der Spitze der Glaubenskongregation waren prägend - für die Kirche und für Ratzinger.

Welche Bedeutung dieses Image im Konklave hatte, blieb wegen der geheimen Wahl einstweilen unklar. Er wurde als Favorit gehandelt, weil sein hohes Alter für eine begrenzte Amtszeit spricht, in der die Kirche nach dem langen Pontifikat Johannes Paul II. grundlegende Richtungsentscheidungen treffen könne.

Nach knapp 23 Jahren in Rom gilt Ratzinger als gewiefter Kenner der vatikanischen Strukturen, aber auch als Insider mit wenig Kontakt zur Kirche "draußen". Als Europäer steht er zwischen den aufstrebenden Kirchen Lateinamerikas und Asiens, aber auch für eine durch die säkularen Gesellschaften Europas herausgeforderte Kirche.

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