Die Stammeskunst-Sammlung von Georg Baselitz ist ein Spiegelbild des Künstlers
Das unpolierte Afrika

Seit der ersten Begegnung Pablo Picassos mit afrikanischer Kunst im Jahr 1905 zieht sich der Einfluss der Stammeskunst auf die Moderne wie ein roter Faden durch die europäische Kunstgeschichte. Matisse, Braque, Max Ernst, die Expressionisten – sie alle waren von den Schnitzwerken des Schwarzen Kontinents begeistert. Sie besuchten die Völkerkundemuseen und besaßen Plastiken, deren Spuren sich im eigenen Werk wiederfinden. Diese Faszination ist bis heute ungebrochen.

Während die meisten Afrika- Sammler vor allem den Dialog mit den Statuen und Masken westafrikanischer Stämme suchen, fühlte sich Baselitz von Anfang an mehr zu den archaischen Bildwerken Ostafrikas hingezogen. Seine Geschmack prägende Sammlung ist nun zum ersten Mal im großen Zusammenhang in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20) ausgestellt.

Im Gegensatz zu Picasso, dem eine Skulptur eines Stammes als stilistisches Paradebeispiel genügte, erwarb der deutsche Künstler ganze Gruppen und kaufte immer ergänzend hinzu. Besonders die mit verkrusteten Fetischbäuchen bestückten Statuen der Teke (Kongo) und die Stoffplastiken des Nachbarvolkes Bembe fesselten ihn auf Anhieb. Aber nicht nur in diesem Segment hat seine Kollektion Weltgeltung, sondern auch in den Schutzgeistfiguren der Lobi und in den stark verwitterten Sitzfiguren der nigerianischen Mbembe.

Die Künstlersammlung ist eine starke Inspirationsquelle für das eigene Werk. Das zeigt sich schon an dem mit Deckenstoff überzogenen Ahnenkopf der Bwende, der auf dem Ausstellungsplakat prangt. Er erinnert mit seiner emotionalen Signalwirkung an die mit Ölfarbe bemalten Holzköpfe, die Baselitz in den 80er-Jahren schuf. Auch seine berühmteste Plastik, der Sitzende mit erhobenem Arm, der 1982 auf der Biennale in Venedig als Hitlergruß missverstanden wurde, folgt in seinem beschwörenden Duktus den Ahnenfiguren der Bembe, in die Reliquien Verstorbener eingenäht wurden.

Die schlanken Ganzfiguren von Baselitz zeigen Einflüsse der überlebensgroßen sudanesischen Grabfiguren, die im rechten Flügel der Ausstellung stehen. Vom Wetter zerfurcht, distanzieren sie sich von der glatteren und gefälligeren Kunst Westafrikas. Nicht das ästhetisch „Schöne“, sondern das Archetypische der afrikanischen Skulptur liegt Baselitz am Herzen

.

Eine der wenigen in Düsseldorf ausgestellten Masken, ein mit Hakenkreuzmotiven übersätes Exemplar aus der Ituri-Region, ist frei von aller Kunstfertigkeit: ein kraftstrotzendes Utensil alter Beschneidungsriten. Die in Vitrinen ausgebreiteten Wahrsagekörbe der Holo, Chokwe und Yaka erscheinen als ausdrucksstarke Assemblagen, die sich durch den an den Objekten nachvollziehbaren Ahnenkult eigene magische Freiräume erhalten haben.

Auch da, wo wir in erster Linie den hohen ästhetischen Reiz der von Baselitz erworbenen Plastiken bewundern, ist es dann doch wieder das Hintergründige, das uns fesselt. So wurde die atemberaubende Grabfigur der Vezo, die mit erotischer Umarmung dem Tode trotzt, durch die vom Wind gesteuerten Sandabreibungen in eine vollendet-unvollendete Form gebracht. Wie bei den pfahlartigen Belanda-Figuren haben die Verwitterungen die Handschrift des Schnitzers neutralisiert.

Dass ein Künstler, der sich in seiner Malerei, Skulptur und Graphik ganz der Expressivität verschrieben hat, gerade solche Phänomene schätzt, lässt uns seine Werke in neuem Licht sehen. Die Natur kann ihnen nichts anhaben. Aber der Künstler selbst kann die erwünschte Distanz schaffen. Die Umkehrung des Bildes, die raue Faktur, der spontane Zugriff – hier trifft sich der Künstler Baselitz mit dem Sammler, der in der afrikanischen Plastik zugleich das Ursprüngliche und das Transitorische findet.

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