Diversifizierung versus Fokussierung
Die neuen Konglomerate

Was bei den Finanzinvestoren als Selbstverständlichkeit angesehen wird, gilt für börsennotierte Konzerne inzwischen als Tabu: eine breite Diversifizierung. Ausnahmen bestätigen die Regel.

DÜSSELDORF. Das Portfolio ist beeindruckend: Unter den dutzenden Tochterfirmen des Unternehmens befinden sich Müllentsorger und Autowerkstätten in Deutschland, ein Elektronikhersteller aus Frankreich, die größte dänische Telekommunikationsgesellschaft, ein Medienhaus und ein Halbleiterproduzent aus Holland, eine Softwareschmiede und ein Spielzeughändler in den USA.

Eine wilde Mischung. Von Synergien keine Spur. Das alles klingt absurd angesichts der seit vielen Jahren laufenden Debatte um mehr Fokussierung und der vehementen Forderung der Anleger nach Konzentration auf die Kernkompetenzen. Und dennoch ist das besagte Konglomerat hocherfolgreich. Ja, nach Renditegesichtspunkten zählt es weltweit zu den profitabelsten Unternehmen überhaupt. Einem investierten Kapital von 27 Mrd. Dollar stehen heute Unternehmenswerte von 70 Mrd. Dollar gegenüber. Sein Name: Kohlberg Roberts, kurz KKR, eine der global führenden Private-Equity-Firmen.

Was bei den Finanzinvestoren als Selbstverständlichkeit angesehen wird, nämlich eine breite Diversifizierung, gilt für börsennotierte Konzerne inzwischen als Tabu. So hat sich Deutschlands größter Industriekonzern, Daimler-Chrysler, bereits vor über zehn Jahren "dank" der Pleiten von Fokker und der AEG zwangsweise auf den Bau von Autos und Nutzfahrzeugen konzentriert. Und die heute voll auf Energie fokussierte Eon ist aus zwei reinrassigen Mischkonzernen, der Düsseldorfer Veba und der Münchener Viag, entstanden. Beide Fälle sind beispielhaft: In Deutschland haben sich die größten Unternehmen schon vor Jahren daran gemacht, ihre Kerngeschäfte zu definieren und dementsprechend ihr Beteiligungsportfolio auszumisten.

Im abgelaufenen Jahr tat dies mit besonderer Verve die traditionsreiche Linde, die sich unter der Führung des ehemaligen Automanagers Wolfgang Reitzle zu einem reinrassigen Hersteller von Industriegasen transformiert hat. Um in dieser Branche auf den ersten Rang weltweit zu rücken, musste Reitzle nicht nur die britische BOC kaufen, sondern auch die Gabelstaplersparte mit dem neuen Namen Kion verkaufen. Natürlich an Finanzinvestoren.

Auch die Münchener MAN hat durch den Verkauf der Druckmaschinensparte MAN Roland den Weg frei gemacht für eine stärkere Fokussierung, die freilich den Puristen nicht weit genug geht. Denn neben Lastwagen baut das Industrieunternehmen nach wie vor Dieselmotoren, handelt mit Stahl und erbringt andere Dienstleistungen für die Industrie. Fakt ist, dass sich heute unter den dreißig größten börsennotierten Firmen in Deutschland, die im Leitindex Dax versammelt sind, mit ganz wenig Ausnahmen - etwa Thyssen-Krupp oder Tui - kaum mehr aufgefächerte Mischkonzerne befinden.

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