Dokumentation WAZ-Interview
„Am Anfang hatte ich eine gewisse Angst vor dem Tod“

HB ESSEN. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ hat ein Interview mit dem österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch geführt. Auszüge daraus.

Welche Gefühle überkommen Sie, wenn Sie an die vergangenen acht Jahre zurückdenken?

Kampusch: Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, warum das mir - unter den vielen Millionen Menschen ausgerechnet mir - passieren musste. Ich hatte immer den Gedanken: Ich bin sicher nicht auf die Welt gekommen, dass ich mich einsperren und mein Leben vollkommen ruinieren lasse. Ich bin verzweifelt an dieser Ungerechtigkeit. Ich habe mich immer gefühlt wie ein armes Hendl in einer Legebatterie. Sie haben sicher im Fernsehen und den Medien mein Verlies gesehen. Also wissen Sie, wie klein es war. Es war zum Verzweifeln.“ (...)

Ihre Flucht. Kam sie spontan, oder war sie geplant?

Ja, das war sie. Schon mit zwölf oder ungefähr diesem Alter habe ich davon geträumt, mit 15 - oder irgendwann einmal, wenn ich stark genug bin dazu - aus meinem Gefängnis auszubrechen. Ich habe immer wieder getüftelt an dem Punkt, zu dem die Zeit reif ist. Ich konnte aber nichts riskieren, am wenigsten einen Fluchtversuch. Er litt sehr stark unter Paranoia und war chronisch misstrauisch. Ein Fehlversuch hätte die Gefahr bedeutet, nie mehr wieder aus meinem Verlies herauszukommen. Ich musste mir sukzessive sein Vertrauen sichern.

Sie dachten also schon an Flucht, als Sie zwölf waren.

Ich habe es mir ab diesem Alter sozusagen selber versprochen. Ich habe es mir versprechen lassen von meinem jetzigen Ich. Ich habe meinem künftigen Ich versprochen, dass ich den Gedanken an Flucht nie außer Acht lassen werde.

Sie haben also ganz fest an sich geglaubt.

Ja, sicher. Es war auch sehr frustrierend für mich, als ich erfuhr, dass die Leute nach mir jetzt mit dem Bagger in Schotterteichen suchen. Sie haben meine Leiche gesucht. Und ich war verzweifelt, als ich das Gefühl hatte, dass ich, als Lebende, bereits abgeschrieben bin. Das war Hoffnungslosigkeit: Ich war überzeugt, dass niemand mehr je nach mir suchen wird und ich daher auch niemals wieder gefunden werde. Am Anfang habe ich ja noch darauf vertraut, dass mich vielleicht die Polizei oder sonst wer findet, dass vielleicht jemand den Täter gesehen und mit meinem Verschwinden in Zusammenhang gebracht hat. Oder dass irgendwelche Spuren auftauchen, oder etwaige Komplizen irgendwas sagen.

Und die eigentliche Flucht - gab es für Sie einen Plan?

Nein, die war ganz spontan. Ich bin dort hinten beim Gartentor rausgerannt, und mir ist schwindlig geworden. Ich fühlte jetzt erstmals, wie schwach ich wirklich war. Trotzdem hat es gepasst: Alles in allem ist es mir am Tag der Flucht gut gegangen. Seelisch, körperlich - und keine Herzprobleme. Ich bin gerannt, als ich ihn beim Telefonieren gesehen habe. Ich bin panikartig in die Schrebergartensiedlung gerannt und habe Leute angeredet. Vergebens, denn die hatten kein Handy dabei. Die sind einfach nur Schulter zuckend weitergegangen. Also bin ich in verschiedenen Schrebergärten einfach über den Zaun gesprungen - panisch, wie in einem Actionfilm. Sie müssen sich das so vorstellen: keuch, keuch, keuch und dann habe ich ein Fenster offen gesehen, wo jemand in der Küche hantiert und habe diese Frau angesprochen und gesagt, sie soll die Polizei rufen.

Haben Sie niemals gehadert mit dem Schicksal, das Ihnen das alles angetan hat?

So - nein! Ich habe mich zwar gefragt, was ich verbrochen hab, und das schon sofort nach dem Kidnapping. Ob ich dem Herrgott vielleicht irgendetwas angetan hab. Ich weiß es nicht. Ich war richtig verzweifelt - sehr wütend und verzweifelt. Ich habe klaustrophobische Zustände bekommen von dem kleinen Raum, und es war wirklich grauenvoll. Ich habe mir irrsinnige Sorgen um meine Familie gemacht; was die wohl jetzt denken und was die für Ängste durchstehen müssen. Und ich habe auch nicht gewusst, was mit mir passiert, ob die mich umbringen, was die mit mir machen. Ich bin ja am Anfang von mehreren Tätern ausgegangen. Am Anfang hatte ich ja auch eine gewisse Angst vor dem Tod."

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