Drama am Everest : Glück im Unglück

Drama am Everest
Sherpas retten gestrandete Kletterer

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Glück im Unglück

„Ich war schon von dem Aufstieg erschöpft“, sagt Ang Tsering Lama. „Und dann war da noch dieser fast vertikale Hang. Es war eine der riskantesten Rettungsaktionen, an denen ich jemals beteiligt war.“ Bhatti war in besserer Verfassung. Der Arzt aus Pakistan konnte mit Hilfe der Sherpas selbst das Lager 4 erreichen. Normalerweise brauchen die Bergführer etwa vier Stunden für die Strecke von den 8700 Höhenmetern, wo Bhatti und Sange gestrandet waren, bis zum Lager. Die Rettungsaktion dauerte 12 Stunden.

In einem Krankenhaus in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu erzählt Bhatti von den dramatischen Momenten: „Als mein Sherpa mir sagte: „Doktor, kein Sauerstoff“, schwankte der Boden unter meinen Füßen... Ich dachte, ich sterbe hier.“

In ihrer Verzweiflung hatten die beiden nach Sauerstoffflaschen von anderen Kletterern gesucht, aber keine finden können. „Ich hatte die Hoffnung verloren, ich hatte schreckliche Schmerzen. Ich wollte schlafen, damit ich leichter am Berg sterben kann, doch das konnte ich nicht“, sagt Bhatti.

Seine Rettung sei ein Wunder gewesen, meint er. Er glaubt, dass fehlende Sauerstoffvorräte schuld an der Beinahe-Tragödie waren. Normalerweise braucht ein Bergsteiger vier Flaschen ab Lager 4. Den Rettern zufolge hatten die Beiden nur je zwei. Bhatti sagte, er habe seinem nepalesischen Reiseveranstalter nur 27 000 Dollar bezahlt. Je höher der Preis, desto mehr Zusatzsauerstoff wird zur Verfügung gestellt, so Kenner. Sherpas bringen diese Flaschen für die Touristen auf den Berg.

Sherpa Dawa Sange meint, der Pakistaner habe seinen langsamen Aufstieg fortsetzen wollen, obwohl er ihm wegen aufkommenden schlechten Wetters zur Umkehr geraten hatte. „Ich bin an diesem Tag ohne Zusatzsauerstoff geklettert, weil ich das Leben meines Kunden retten wollte. Auf dem Rückweg ging er aus. Ich konnte ihn nicht einfach zurücklassen“, sagt der junge Sherpa, der erst seit einem Jahr Bergsteiger auf den Everest führt.

Der Everest liegt an der Grenze zwischen Tibet und Nepal. In diesem Jahr erteilte Nepals Regierung 375 Klettergenehmigungen. Sherpas brauchen keine. Geschätzt hielten sich in der nur ein paar Wochen dauernden Klettersaison 2017, die bis etwa Mitte Juni ging, etwa 800 Menschen auf nepalesischer Seite am Everest auf. Den Gipfel erklommen von dort mehr als 450 Menschen - darunter fast 200 Ausländer.

Mindestens sechs Kletterer kamen ums Leben. Die gesamte Reise, mit Akklimatisierung und Besteigung, kann gut zwei Monate in Anspruch nehmen. Bhatti reagiert auf das Erlebte mit schwarzem Humor: „Wir sind berühmt geworden und ich habe dafür nur meine Finger geopfert.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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