Drohender Machtverfall
Sozialdemokraten auf der Achterbahn

Gerhard Schröder redet gegen die demoskopischen Wahrscheinlichkeiten an. Unverdrossen optimistisch rackert sich der 61-Jährige für einen Wahlkampf ab, den die Mehrheit in der Republik für die Sozialdemokraten verloren glaubt. Schröder, siebter Nachkriegskanzler Deutschlands, kämpft auf Marktplätzen, in Fernsehstudios.

HB BERLIN. Er schreit sich heiser, er gibt sich locker und spielt den Gewinner. Mehr als 100 öffentliche Auftritte legt er in wenigen Wochen hin. Er stemmt sich gegen den Machtverfall, bis am 18. September das Unerwartete geschieht: Die SPD fährt gegen alle Erwartungen mit 34,2 Prozent ein mehr als respektables Ergebnis ein. Dagegen kassiert die Union mit 35,2 Prozent das drittschlechteste Resultat bei einer Bundestagswahl.

Schwarz-gelbe Gedankenspiele haben sich damit erledigt. Die Union ist verwundet, ihre Anhänger fassungslos. Die SPD und in erster Linie Schröder befinden sich im Rausch der Gefühle. Sicher, er hat quasi im Alleingang den Absturz seiner Partei verhindert, und so will er nicht wahrhaben, dass ihn Unions-Herausforderin Angela Merkel trotz des nur geringen Stimmenvorteils besiegt hat. In einem Aufsehen erregenden Fernsehauftritt am Wahlabend, den er später selber als "suboptimal" bezeichnen wird, erhebt Schröder seinen Anspruch auf das Kanzleramt. Am Ende wird er damit nicht durchkommen. Neue Regierungschefin wird Angela Merkel. Aber wer hätte noch im Sommer die SPD weiter auf der Regierungsbank gesehen?

Den Bundestagswahlen waren für die Sozialdemokraten und Schröder Monate des Abstiegs vorausgegangen. "Es beginnt das Jahr des Machtwechsels, des Abschieds von Rot-Grün", tönt FDP-Chef Guido Westerwelle im Februar nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Als im März Heide Simonis in Kiel bei der Wiederwahl zur Ministerpräsidentin scheitert, weil ein unbekannter Abgeordneter aus den eigenen Reihen seiner Chefin die Zustimmung verweigert, geht der Machtverfall "vom Trab in den Galopp über", schreibt "Die Zeit". Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai endet desaströs für die SPD. Die CDU siegt triumphal. 39 Jahre sozialdemokratischer Vorherrschaft in dem bevölkerungsreichsten Bundesland sind Geschichte. Die letzte rot-grüne Landesregierung ist abgewählt.

Schröder, an die Wand gestellt, versucht, die Initiative über das politische Geschehen zurückzugewinnen. Noch am Wahlabend verkündet Parteichef Franz Müntefering die Botschaft: Durch vorgezogene Neuwahlen im Herbst wolle man sich die Reformen vom Wähler frisch legitimieren lassen. Dass man die eigenen Parteikollegen vor den Kopf stößt, auch den grünen Koalitionspartner, wird zumindest billigend in Kauf genommen. Denn abgesprochen ist dieses eigenmächtige Vorpreschen nicht. Viele Politiker der Regierungskoalition halten die Idee des forschen sozialdemokratischen Führungsduos keineswegs für ideal. Und die Erwartungen sind düster. Nichts deutet darauf hin, dass der amtierenden Regierung Glück beschieden sein sollte. Die Prognosen sind vernichtend. Der Wähler, der Rot-Grün bei den Wahlen 2002 noch so gerade eben die Regierungsmacht übertragen hat, scheint die Nase voll zu haben von diesen beiden Parteien. Anfang Juni kommt die Union auf satte 48 Prozent Zustimmung. Die SPD landet abgeschlagen bei 28 Prozent.

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