Düsseldorfer Rotlicht-Skandal
Schrille Kampfansage vor Prozessbeginn

Jahrelang sollen Bordellbesucher in Düsseldorf ausgenommen worden sein. Nun wird der Skandal vor Gericht ausgebreitet. „Rotlicht-König“ Bert Wollersheim bleibt die Strapaze allerdings erspart.
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DüsseldorfSchon Heinrich Heine sagte über Düsseldorf, dass einem ganz wunderlich zumute werde, wenn man in der Ferne an die Stadt denke. So wird es auch manchem betuchten Reisenden gehen, der in den vergangenen Jahren in Düsseldorf eines der Bordelle aufgesucht hat. Mit trüber Erinnerung und einem gewaltigen Fehlbetrag auf der Kreditkartenrechnung verließ er die Stadt. Dass dies nicht mit rechten Dingen zuging, davon ist die Staatsanwaltschaft inzwischen überzeugt.

Sie hat die Rotlicht-Größe Thomas M. und sechs Gesellschafter, Wirtschafter, Servicekräfte und Prostituierte angeklagt. Die sollen mit K.o.-Tropfen und anderen Mitteln reihenweise Freier betäubt und dann ihre Kreditkarten zum Glühen gebracht haben. Der Mammut-Prozess mit rund 90 Zeugen und 93 Verhandlungstagen beginnt an diesem Montag. „Rotlicht-König“ Bert Wollersheim bleibt die Strapaze erspart: Die Ermittlungen haben ihn entlastet.

Die über 600 Seiten starke Anklageschrift wirft den Angeklagten in wechselnder Beteiligung Betrug, schwere Körperverletzung, Vergiftung, räuberische Erpressung und Raub vor. Das Landgericht geht davon aus, dass erst im April 2014 mit einem Urteil zu rechnen ist.

Anwalt Benedikt Pauka, der Thomas M. verteidigt, hat im Vorfeld eine schrille Kampfansage ausgegeben: Die Ermittlungsmethoden von Polizei und Staatsanwaltschaft in Düsseldorf kämen ihm vor wie die des „nordkoreanischen Ministeriums für Staatssicherheit“. Gegen seinen Mandanten gebe es keinen triftigen Beweis.

Die Staatsanwaltschaft wirft M. eine „mittelbare Täterschaft“ vor. „Das ist eine Schreibtischtäter-Konstruktion, die man aus SED- und NS-Prozessen kennt“, hatte auch Verteidiger Abdou Gabbar kritisch angemerkt. Doch so abwegig wie die Anwälte sieht das höhere Oberlandesgericht die Sache nicht: Thomas M. habe die Geschäftspolitik bestimmt, befand das Gericht in einer Haftentscheidung. Er stehe im Verdacht, selbst aktiv daran mitgewirkt und Mitarbeiter angewiesen zu haben, Gäste „auszunehmen“.

Die Ermittler halten den Ex-Bordell-Betreiber für den Drahtzieher der Machenschaften. Bei einer eigens eingerichteten Telefon-Hotline hatten sich etwa 50 Männer auch aus Übersee bei der Polizei gemeldet. 27 Fälle sind in der Anklage übrig geblieben.

Die Stadt Düsseldorf schloss die Rotlicht-Betriebe im Juli 2012 für mehrere Monate, sie konnten erst mit neuer Geschäftsführung wieder öffnen. Zeitweise saßen neun Beschuldigte in Untersuchungshaft. Die Kredit- oder Scheckkarten der Freier sollen in einigen Fällen bis ans Limit belastet und mehrere zehntausend Euro abgebucht worden sein.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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