Duisburger Sechsfachmord
Angst vor der Rache an den Rächern in San Luca

Mehr als 2 000 Kilometer entfernt von Duisburg, im italienischen Örtchen San Luca, hat der Sechsfachmord von der Nacht zum Mittwoch Tausende von Menschen zu Gefangenen eines bizarren Familienkrieges gemacht. Denn nun wird der Clan der Pelle-Romeos wohl Rache nehmen dafür, dass der verfeindete Clan der Strangio-Nirtas Rache genommen hat.

HB REGGIO CALABRIA. Es ist „Ferragosto“, der 15. August, und die Italiener begehen den wichtigsten Feiertag des Jahres. Während Römer, Mailänder und Florentiner ans Meer fahren und Picknicks organisieren, bleiben die Menschen in dem Örtchen San Luca in Kalabrien lieber in ihren Häusern.

Ein Kamerateam des italienischen Fernsehens ist in dem Dorf unterwegs, um nach dem sechsfachen Mord von Duisburg Angehörige zu interviewen. Was die Journalisten antreffen, ist hingegen völlige Leere, ausgestorbene Straßen, kein Laut ist zu vernehmen. „San Luca ist zu einer Geisterstadt geworden“, schrieb die Nachrichtenagentur Ansa.

Die Menschen in der 4 000-Seelen-Gemeinde haben schlichtweg Angst. Angst vor Rache, vor neuen Gewaltausbrüchen. Seit 16 Jahren tobt hier eine Mafia-Fehde zwischen den Familien Strangio-Nirta und Pelle-Romeo, die bereits fast 20 Menschenleben gefordert hat. Aber nie zuvor in der Geschichte der „Ndrangheta, wie die Mafia in Kalabrien heißt, waren sechs junge Männer gleichzeitig „hingerichtet“ worden. „Alle haben Angst, dass es jetzt zu einer Kettenreaktion kommt“, sagte der Nachrichtensprecher des staatlichen Fernsehens RAI.

Deshalb gleicht das Örtchen einen Tag nach Ferragosto fast dem Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses: Zahlreiche Carabinieri und Sondereinheiten den Polizei kontrollieren alle Zufahrten nach San Luca und patrouillieren in den Straßen. „So soll jeder Versuch einer Antwort auf das Massaker seitens der Gruppe Vottari-Pelle im Keim erstickt werden“, schreibt ein Journalist.

Tatsächlich wird immer wahrscheinlicher, dass der 25-jährige Marco M. das Hauptziel der Killer war. Wie die fünf übrigen Opfer im Alter zwischen 16 und 38 Jahren wird er dem Clan Vottari-Pelle zugeordnet. Marco M. wurde von den Familien Strangio-Nirta als einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Maria Strangio angesehen, der Ehefrau des mutmaßlichen Clan-Chefs Giovanni Nirta. Sie war im vergangenen Dezember umgebracht worden.

Seither wurden bei Racheaktionen in Italien bereits vier weitere Menschen getötet. Zudem wurden als Warnung 21 Schüsse aus einer Kalaschnikow auf ein Haus abgefeuert, in dem sechs Familien leben.

Wie kam es überhaupt zu der blutigen Fehde, die die Menschen in San Luca schon so lange in Angst und Schrecken versetzt? Wie so oft bei den Clans der Mafia waren die Anfänge des Streits nichtig: Es war 1991, als sich im Karneval Mitglieder beider Familien mit Eiern bewarfen. Jedoch artete der zunächst harmlose Scherz in eine wüste Schlägerei aus. Wenige Tage später wurden zwei Menschen in San Luca in einen Hinterhalt gelockt und ermordet - der Beginn der langjährigen Fehde. „Dies ist ein sinnloser Krieg“, meinte ein Fernsehreporter.

Zwar gab es auch immer wieder eine Art Waffenstillstand zwischen den beiden Familien, jedoch scheint dieser nun endgültig gebrochen. Neben reinen Racheakten geht es dabei auch oft um Drogenhandel und die Kontrolle bestimmter Territorien. Und ein Ende der Gewalt ist für die Menschen in San Luca nicht in Sicht. Denn wenn die ruhigen Sommertage vorbei sind und die Polizei ihre Kontrollen einstellt, ist die nächste Aktion der „Ndrangheta bereits programmiert.

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