Ein Glas für 6 bis 100 Dollar
Pomerol zur Happy Hour

Raymond Irons kann man mit einem Marguerita nicht mehr locken. Auch einen Manhattan lässt er stehen, obwohl er aus New York kommt. Sogar das Bier nach Feierabend hat Ersatz gefunden: "Nach Büroschluss trinke ich inzwischen lieber ein Glas Wein als die vielen, meistens nur Kopfschmerzen verursachenden Mixgetränke", sagt der Leiter einer Filiale des US-Buchhändlers Barnes & Noble.

HB. Da ist er nicht der Einzige: Die Amerikaner entdecken in diesen Wochen ihre Liebe zum Wein - zum edlen Wein. Denn After Work ist auch ein Pomerol durchaus gern gesehen. Und egal ob im liberalen San Francisco oder im konservativen Atlanta - trotz des patriotischen Getöses darf es ruhig ein französischer Tropfen sein. "Es zeichnete sich schon vor einiger Zeit ab, dass sich die Leute wieder gerne abends zu einem Glas Wein verabreden", sagt Demetrius Fexy, General Manager von New Yorks schnieker "Morell Wine Bar" im Rockefeller Center.

Quartier Latin oder Lower Eastside?

Fast 200 Weine bietet er im Ausschank an, und deren Preise sind so differenziert wie die Geschmacksrichtungen: Schon ab 6 Dollar kann der Gast einen Tischwein bekommen, aber es gibt auch Ausschankweine für 100 Dollar pro Glas. Wenn gar Wein und französischer Lebensstil zusammengehören, dann gibt es in New York die passende Weinbar: "Le Bateau Ivre" erinnert mehr an ein Bistro im Quartier Latin als an die nahe liegende Lower Eastside.

Die Weinwelt macht sich breit zwischen Ost- und Westküste, zwischen Mittlerem Westen und heißem Süden: In Boston bietet das "Les Zygomates" gleich mehrere Dutzend Weine im Ausschank. Und in New Orleans führt das "Wine Loft" die Szene an. In diesem von bier- und whiskey-durstigen Touristen überfüllten Städtchen benötigt die Weinkultur allerdings noch ein wenig Nachhilfeunterricht: Zu jedem Glas Wein bekommt der Probierende deshalb eine Beschreibung, die ihm erklärt, was er gerade trinkt, woher es kommt und was diesen Wein von ähnlichen unterscheidet.

Kostenlose Splashes für Unschlüssige

In Atlanta hat sich eine Weinkultur auf breiter Front entwickelt. Vom exklusiven "Vinocity" bis zum einfachen französischen "Toulouse" bieten rund 50 Weinbars für jeden Geschmack und für jeden Geldbeutel das passende Ambiente. Die Förderung des Weinwissens gehört auch dort zum festen Programm: "Wir bieten allen Gästen eine freie Weinprobe für verschiedene Marken innerhalb dessen, was sich der Gast vorstellt", sagt der Chef vom "Toulouse", George Tice. Wer beispielsweise einen Merlot bestellt und seinen Wunsch nicht weiter präzisieren kann, bekommt auf jeden Fall vier kostenlose Splashes, wie die Probiermengen in den USA heißen.

Einer der bekanntesten Verfechter der wieder erwachten Weinkultur ist Ken Cheuvront, Senator des Staates Arizona: "Ich bin fasziniert von dem sich stets wandelnden Weingeschmack. Wenn ich in Washington oder New York bin, besuche ich immer eine neue Weinbar." Und um in Zukunft nicht nur unterwegs edle Tropfen genießen zu können, plant er eine Weinbar in seiner Heimatstadt Phoenix zu eröffnen. Ein Pächter wird allerdings noch gesucht.

Der Osten mag europäische Tropfen

Und welchen Wein lieben die Amerikaner besonders? Keinen. Der neu erwachte US-Weingeschmack umfasst nahezu alle Regionen der Welt. Die Genießer im Westen bevorzugen jedoch die einheimischen kalifornischen Weine, während im Süden spanische oder lateinamerikanische Tropfen am beliebtesten sind. Die traditionell den Europäern sehr verbundene Ostküste entspannt sich überwiegend bei Weinen aus Frankreich und Italien. Nur die kleineren Weinländer wie die Schweiz sind seltener vertreten - noch.

Den Trend zum abendlichen Glas Wein gab es schon einmal. Die "London Winebar" in San Francisco behauptet, vor 30 Jahren die Wiege der amerikanischen Weintrinkkultur gewesen zu sein. Es folgte eine epidemieartige Ausbreitung: Mitte der 70er-Jahre wurden in New York nahezu täglich Weinbars eröffnet.

Doch so schnell, wie sie aus dem Boden schossen, so schnell verschwanden sie wieder Anfang der 80er. Was blieb, waren schummrige Zigarren-Rauchsalons, in denen die Bedienung den weindurstigen Gast lapidar fragte: "Rot oder Weiß?" Auch wer sich heute durch amerikanische Weine probiert, sollte vorsichtig sein, nicht jeder Weinname birgt einen Traubentrank: So ist Atlanta-Eiswein kein Dessertwein, sondern ein Spitzname für Coca-Cola, weil die braune Brause so süß ist, mit Eis getrunken wird und aus Atlanta stammt.

Edle Tropfen gibt's hier:

London Wine Bar: 415 Sansome Street San Francisco, CA 94111 Tel. 001415/7884811.

Morell Wine Bar: One Rockefeller Plaza New York, NY 10020 Tel. 001212/688 9370.

Le Bateau Ivre: 230 E. 51st Street New York, NY 10022 Tel. 001212/5830579.

Les Zygomates: 129 South Street Boston, MA 02111 Tel. 001617/5425108.

Vinocity: 36 13th Street Atlanta, GA 30309 Tel. 001404/8708886.

Toulouse: 2293 Peachtree Road NE Suite B Atlanta, GA 30309 Tel. 001404/3519533

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