Ein Jahr nach dem Erdbeben
Pakistanischer Winter im Zelt

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Pakistan leben immer noch rund 30 000 Menschen in Notlagern, wie Zelten und notdürftig gezimmerten Baracken. Nun steht ihnen der zweite pakistanische Winter nach den Erdbeben bevor. Es fällt bereits der erste Schnee.

HB TEETWAL. Wenn sich Begum Syeda daran erinnert, wie der Himalaya vor einem Jahr bebte, wird sie leichenblass und drückt ihr Baby ganz fest an sich. „Ich spüre, wie die Berge wanken. Hütten und Gebäude fangen an, um mich herum einzustürzen“, sagt die 35-Jährige, die in dem 600-Seelen-Dorf Teetwal im indischen Teil Kaschmirs lebt. Der Schock sitzt tief und lässt sie bis heute im Innersten zittern. Mit ihren kleinen Kindern steht ihr zudem wie hunderttausend anderen Opfern ein weiterer Hochgebirgswinter in nur notdürftigen Unterkünften bevor und dies fügt der schmerzhaften Erinnerung viele neue Ängste hinzu. Syeda war am 8. Oktober zuhause, als die Region am frühen Morgen mit einer Heftigkeit von 7,6 auf der Richterskala erschüttert wurde. Das schlimmste Erdbeben in der Region seit einem Jahrhundert ließ das aus Steinen und Holz erbaute Heim über ihr zusammenbrechen. Zwar überlebten Syeda und ihre vier Kinder. Ihr Mann wurde jedoch im Wald auf der Suche nach Holz von einem herabfallenden Felsblock erschlagen und zwei Monate später, mitten im Winter, holte sich die dreijährige Tochter in der Notunterkunft eine Lungenentzündung. Sie war zu schwach, sich dagegen zu wehren.

Fast 75 000 Menschen wurden bei dem Erdbeben in Kaschmir getötet, die meisten davon auf der pakistanischen Seite der Himalaya-Region. Drei Mill. Menschen wurden obdachlos. Schätzungen von Hilfsorganisationen wie Rotes Kreuz und Oxfam zufolge leben ein Jahr später noch immer zwischen 400 000 und 1,8 Mill. Menschen in Zelten, Notunterkünften oder behelfsmäßig ausgerüsteten Baracken. Doch diesmal zeichnet sich kein solch milder Winter ab, wie ihn die Region im vergangenen Jahr wie ein Glück im Unglück erlebte. „Es fällt bereits Schnee und damit scheint der Winter in diesem Jahr früh zu beginnen“, sagt Farhana Faruki Stocker von Oxfam International.

Teetwal liegt nur 45 Kilometer von Muzaffarabad entfernt, der größten Stadt im pakistanischen Teil Kaschmirs, die am stärksten von dem Beben betroffen wurde und auf die sich viele Hilfen konzentrierten. Das Gebiet ist im Winter häufig vier Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten. Auch Syedas Familie hat damit begonnen, für sie und ihre Kinder ein kleines Haus zu bauen. Nachdem das Fundament gelegt und vier Wände errichtet waren, war das Geld jedoch erschöpft.

Die Regierung verspricht zwar, dass der zugesagte Zuschuss von 60 000 Rupien je Haus noch rechtzeitig vor dem Winter ausgezahlt wird. Die Familien befinden sich aber in einem Wettlauf gegen die Zeit. Selbst die Gemeinde hat inzwischen Zweifel, dass dieses Rennen zu gewinnen ist: „Wenn die nächste Rate der Hilfen nicht bald freigegeben wird, dann werden die Überlebenden nochmals einen Winter in diesen Notunterkünften verbringen müssen“, sagt der stellvertretende Ortsvorsteher Raja Ghulam Haider.

Syeda mag gar nicht an die Zukunft denken. Das einzige, was ihr Hoffnung gibt, ist das Baby, das sie auf dem Arm hält. Sie war schon schwanger, als das Erdbeben über Kaschmir kam. Seit der kleine Mufaid geboren wurde, hat sie wieder das Gefühl, es gebe doch noch Licht am Horizont. „Ich bin mir sicher“, sagt sie. „Gott hat uns dieses Kind geschickt, damit es uns hilft."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%