Ein Jahr nach der Katastrophe am Bodensee
Entschädigungsfonds für Absturzopfer

Ein Jahr nach der Flugzeugkatastrophe vom Bodensee haben die Schweizer Flugsicherung skyguide, Deutschland und die Schweiz eine Vereinbarung für einen Entschädigungsfonds unterzeichnet.

HB/dpa STUTTGART/HAMBURG. Das gab Skyguide-Anwalt Alexander von Ziegler am Freitag in Stuttgart bekannt. „Damit ist ein Grundstein für eine Gesamtlösung für alle Geschädigten gelegt, wir haben die bei weitem schwierigste Hürde genommen “, betonte er. An dem Pool sollen sich auch die betroffenen Fluggesellschaften beteiligen. Mit welcher Summe der Fonds gespeist werden soll, sagte er nicht. Vermittler Otto Graf Lambsdorff sagte, „jahrelange Prozesse“ würden nun vermieden.

Bei dem Unglück waren am 1. Juli vergangenen Jahres 71 Menschen ums Leben gekommen, nachdem eine Tupolew der Bashkirian Airlines mit 69 Insassen und eine DHL-Fracht-Boeing mit zwei Piloten in rund elf Kilometer Höhe kollidiert und abgestürzt waren. Skyguide kontrolliert im Auftrag Deutschlands einen Teil des süddeutschen Luftraums. Nach Ermittlungen der Bundesstelle für Flugunfall- Untersuchung (BFU) hatte der Fluglotse auf Grund von Wartungsarbeiten im Zürcher Tower in der Unglücksnacht mit massiven technischen Problemen zu kämpfen.

Berlin beteiligt sich nach Angaben von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) an dem Pool, „um endlich die Voraussetzungen für eine angemessene und unbürokratische Hilfe der Hinterbliebenen zu schaffen“.

Über den Inhalt der Vereinbarung sei absolutes Stillschweigen vereinbart worden, unterstrich der Skyguide-Anwalt. Einen Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ vom Freitag, nach dem Deutschland und möglicherweise auch die Schweiz je zehn Mill. Dollar beitragen, kommentierte von Ziegler nicht. Er sprach von möglichen Gesamt- Entschädigungsforderungen der Hinterbliebenen und der Airlines für die zerstörten Maschinen von 200 Mill. $ (rund 170 Mill. €). Die Anwälte der Angehörigen haben 1,5 Mill. Dollar je Opfer verlangt.

Der Hamburger Anwalt Gerrit Wilmans zeigte sich enttäuscht. „Wir sind überrascht und enttäuscht, dass die Bekanntgabe so groß angekündigt wurde und wir jetzt auch nicht viel schlauer sind als vorher“, sagte er und sprach von einem taktischen Manöver vor dem anstehenden Jahrestag der Katastrophe. Wilmans vertritt zusammen mit seinem Kollegen Michael Witti 40 Familien der Opfer aus Russland und Weißrussland. Nach seinen Angaben belaufen sich die gesamten Schadenersatzforderungen auf 140 Mill. Dollar.

Witti kündigte an, dass die Hinterbliebenen keine Leistungen entgegen nehmen würden, solange nicht der Abschlussbericht der Bundesanstalt für Flugunfalluntersuchung (BFU) sowie die gesamte Akte der Staatsanwaltschaft vorliege. Über das weitere Vorgehen werde erst nach Klärung der widersprüchlichen Aktenlage entschieden.

Auch der Berliner Anwalt Heiko van Schyndel, dessen Kanzlei die Hinterbliebenen der Crew der Bashkirian Airlines vertritt, übte scharfe Kritik. „Das hat alles viel zu lange gedauert“, sagte er den „Stuttgarter Nachrichten“ (Samstag-Ausgabe). Einige Hinterbliebene wollten zum Jahrestag des Absturzes offenbar vor dem Skyguide-Sitz in Zürich demonstrieren. „Ein Jahr Stillschweigen aus der Schweiz sind mehr als genug.“ Das bisherige Verhalten zeuge „nicht von Einfühlungsvermögen in die Situation der Hinterbliebenen“.

Der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff, der zwischen den Partnern und der Skyguide-Versicherung Winterthur vermittelt, betonte, durch den Fonds würden „jahrelange Prozesse mit ungewissem Ausgang“ vermieden. „Wir brauchen eine Lösung im Rahmen des europäischen Schadenersatzrechts und wir brauchen sie bald“, unterstrich der Politiker, der bereits in andere internationale Rechtsstreitigkeiten wie die Entschädigung von Holocaust-Opfern eingeschaltet war.

Abschlagszahlungen an die Opferfamilien seien nicht vorgesehen. Eine große Gruppe von Hinterbliebenen aus der russischen Teilrepublik Baschkirien wird am Jahrestag am Bodensee erwartet. An der Gedenkfeier am 2. Juli nimmt auch Skyguide-Chef Alain Rossier teil.

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