Eine denkmalgeschützte Stadt geht unter
Die Flut steigt weiter

Ohnmächtig stehen die Einwohner von Hitzacker an der Elbe den Fluten gegenüber.

HB HITZACKER. „Jetzt ist es zappenduster hier“, sagt Museumsdirektor Klaus Lehmann. „Die ganze Altstadt mit den denkmalgeschützten Häusern steht unter Wasser, das Pfarrhaus und auch das Museum drohen abzusaufen. Es ist nichts zu machen.“ Am Samstag hat der Pegel dort 7,60 Meter erreicht. Im Laufe des Sonntags erwarten Experten den Hochwasserscheitel mit 7,75 Metern in der Fachwerkstadt.

Die Menschen sind wütend und fühlen sich nicht ernst genommen. „Der Katastrophenschutz ist viel zu spät ausgerufen worden. Wir sind stinksauer und müssen wieder ganz von vorne anfangen“, schimpft Lehmann, der sein 350 Jahre altes Lehm-Fachwerkhaus nicht retten konnte. „Ich stehe in meiner Küche und alles schwimmt um mich herum. Es kommt zum Fenster herein, ich bin völlig abgesoffen. Durch den späten Katastrophenschutz haben wir noch keinen Drehstrom für Pumpen bekommen“, sagt er verzweifelt.

Die ganze Nacht hat Lehmann mit Helfern einen Damm im Museumshof gebaut. Mit fünf Pumpen versuchen sie, das Wasser im Foyer und dem Hof niedrig zu halten. Das Archiv ist mittlerweile ausgeräumt. Nur noch wenige Menschen waten in hohen Gummihosen durch den Ort. Ein Traktor bringt die Inhaber eines Friseursalons mitsamt ihrem Mobiliar ins Trockene - ein Bild, das an Flüchtlinge in Kriegszeiten erinnert. Ein Notarzt versorgt einen zusammengebrochenen Mann auf dem Anhänger eines Lastwagens, mit dem er aus dem überfluteten Gebiet gefahren wird. In der Bäckerei sind die Mehlsilos überschwemmt.

Gegenseitige Hilfe wird in Hitzacker groß geschrieben. Eva Schulz, Mitarbeiterin einer Imbissstube, hat gerade einen großen Topf voll Suppe in die Nachbarschaft bringen lassen. „So lange wir etwas haben, geben wir alles, wonach gefragt wird - Klopapier, gelbe Säcke, Teller und Löffel“, sagt sie. Es gibt zwar kein Chaos im Ort, aber: „Die Menschen sind fertig“, meint Marianne Baron, Sprecherin der Samtgemeinde. „Sie halten 24 Stunden rund um die Uhr Pumpenwache in ihren Häusern. Etliche haben ihre Häuser verlassen und sind bei Freunden und Verwandten untergekommen.“ Die Notbetten in der Turnhalle einer höher gelegenen Schule sind bisher leer geblieben.

Doch nicht nur in Hitzacker steht den Menschen das Wasser bis zum Hals. Zwischen Dannenberg und der Elbestadt hat sich die Landschaft in ein kilometerweites Meer verwandelt. Bundeswehrsoldaten dichten bei Dannenberg einen Deich der Jeetzel mit Folie und Sandsäcken ab. Die Straßen führen wie Dämme an überfluteten Bauernhöfen vorbei, Zaunpfähle ragen nur noch wenige Zentimeter aus dem Wasser. Mindestens eine Woche werden die Häuser unter Wasser stehen. „Erst zu Ostern wird es leicht absinken“, sagt Achim Stolz vom Landesamt für Wasserwirtschaft. Warum die Höhe der Flutwelle unterhalb von Wittenberg nicht rechtzeitig vorhersehbar war, wissen die Fachleute noch nicht. Dass die Flut so schnell nach Niedersachsen kam, ist dagegen erklärbar. Vor allem der extreme Druck aus den Nebenflüssen Saale und Havel soll dafür verantwortlich sein. Aber auch das noch unbelaubte Buschwerk in der Elbtalaue lasse das Wasser schneller fließen als im Sommer, erläutert Stolz.

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