Eine Frau fern der Seele der Partei
Die menschliche Komponente

"Wenn der Landrat redet, dann ist das wie eine heilige Messe“, sagt der Mann von der Jungen Union.

BERLIN/FULDA. HANDELSBLATT. Fritz Kramer, der Landrat, das ist ein Fürst in der tiefschwarzen Provinz, er ist seit 30 Jahren Bezirksvorsitzender seiner Partei in Fulda. Nun spricht er von der Parteifreundschaft, die mehr sei als nur ein Wort, von der persönlichen Nähe und sogar der politischen Kameradschaft. Von Martin Hohmann redet er, der jetzt ohne Fraktion in Berlin ist und bald wohl auch ohne Partei.

Die Rede ist reich an Pathos, viele sind ergriffen oben auf der Tribüne im tristen Kolpingsaal. Kramer spricht von der Partei, die „erschüttert ist“ und von der „verdammten“ Rede eines Mannes, der an diesem tristen Novembermorgen immer wieder der „Freund“ aus Neuhof genannt wird. Ein Freund aber, der einen großen Fehler begangen habe mit seiner Rede. Martin Hohmann, ein Trauerfall.

Fulda, das ist nicht irgendeine christdemokratische Provinz. Für die hessische CDU ist die Bischofsstadt das, was Dortmund der SPD bedeutet. Zweidrittelmehrheiten für die Christdemokraten gehören im Osthessischen zum Alltag, hier wurzelt die CDU auf erzkatholischem Grund. So war es jedenfalls bis zum vergangenen Freitag, als die Führung in Berlin den Freunden in Osthessen mit dem Abgeordneten Hohmann auch den Boden unter den Füßen raubte. Wäre Angela Merkel nach Fulda gekommen, sie hätte gespürt, was Hohmanns Verstrickung ins Antisemitische und das Folgende angerichtet haben. Aber sie habe ja noch nicht einmal angerufen, klagen ihre Fuldaer Parteifreunde.

Knapp anderthalb Minuten hatte sich die Parteivorsitzende am Freitag gegönnt, um vor den TV-Kameras für das Abstimmungsergebnis in der Bundestagsfraktion geradezustehen. Kommentiert hat sie ihre erste Niederlage im Sieg als Fraktionschefin nicht. 44 Abweichler in einer derart heiklen Angelegenheit, da durften Fragen nicht gestellt werden. So viel Unsicherheit und Betretenheit waren selten bei Angela Merkel. „Das ist vielen menschlich schwer gefallen“, sagte sie mit fahlem Gesicht und glanzlosen Augen und meinte die, die gegen den Ausschluss Hohmanns votiert hatten.

Richard Gärtner ist 78 Jahre alt, kommt aus Rückers nahe Fulda, ein netter Opa mit ein bisschen viel Bauch und rundem Gesicht. Seit 54 Jahren ist er in der CDU – fragt sich nur, wie lange noch. Oben auf der Tribüne im Kolpinghaus von Fulda fasst er sich ans Revers, zeigt auf das goldene Parteiabzeichen und beginnt mit seiner Klage: „Wenn der ausgeschlossen wird, dann gehe ich auch.“ Die Rüge an Hohmann sei richtig gewesen, doch für Merkels Umfaller habe er nur ein Wort: „schäbig“. Und rechts an der Backe hängt eine Träne. Bislang soll es in der Region erst eine Hand voll Austritte gegeben haben.

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