Eine Nacht im Obdachlosenheim
„Bei uns ist noch Platz, keiner soll draußen bleiben“

Gert Nisius hält sich die Hände vors Gesicht und wendet seinen Blick ab. „Herr Schmiel, Sie brauchen mir das nicht zu zeigen, bitte.“ Walter Schmiel* lässt sich davon nicht abhalten. Er zieht seine lilafarbene Jogginghose runter und den fleckigen Pulli hoch. Nässende Pickel lassen keinen Zweifel: Schmiel hat die Krätze.

KÖLN. Milben haben sich in seine Haut gebohrt und ihre Eier abgelegt. „Das juckt wie Sau“, klagt der Mann. Mit seinen gelben Raucherfingern kratzt sich der 49-Jährige so heftig, dass blutige Hautschuppen auf den Linoleumboden der Notaufnahme rieseln.

„Tut mir wirklich leid, aber wir werden Sie nicht in einem unserer Betten unterbringen können“, sagt Nisius. Der Sozialpädagoge arbeitet im Kölner Obdachlosenheim Johanneshaus. Seit 22 Uhr, seit mehr als vier Stunden, sitzt er in der Notaufnahme hinter einem klobigen Computerbildschirm und verteilt die ankommenden Männer auf die noch leeren Betten. Nisius ist 38 Jahre alt, hat grau-schwarze Haare, die sich im Nacken kräuseln, trägt einen Drei-Tage-Bart, eine Brille mit Metallrand und einen grauen Pullover aus fusseligem Fleece. Er zupft sich Haut von den Fingerkuppen. „Eine Matratze kann ich Ihnen aber holen und sie im Kellerflur auf den Boden legen. Decke und Kissen bekommen Sie selbstverständlich auch.“ Schmiel holt einen Zigarettenstummel aus seiner Jackentasche, steckt ihn sich mit zittriger Hand in den fast zahnlosen Mund und versucht, ihn anzuzünden. „Das ist gut. Ich brauch’ nämlich Schlaf, sonst fall’ ich vom Rad.“

Auch ohne Krätze hätte Schmiel keines der 16 Notaufnahme-Betten mehr bekommen – sie sind seit dem frühen Abend von anderen Obdachlosen belegt. Das Wohnungsamt zahlt dem Johanneshaus für diese 16 Betten 74 Euro pro Nacht und Person. Weitere sechs Reservebetten gibt es im Keller des Johanneshauses, für die das Wohnungsamt nicht zahlt. Aber auch die sind schon belegt. Die kalte Nacht hat unerwartet viele Obdachlose in die Notaufnahme getrieben.

Mehr als 300 000 Menschen in Deutschland haben keine eigene Wohnung, sind auf solche Notunterkünfte angewiesen oder auf ein Bett bei Freunden oder Bekannten, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnunglosenhilfe in Bielefeld. In der Regel seien es Mietschulden oder Zwangsräumungen der Wohnungen, die den Anfang vom Ende eines bürgerlichen Lebens markieren. Die Menschen sehen dann häufig nur noch einen Ausweg: Platte zu machen. So umschreiben es die Obdachlosen, wenn sie im Freien übernachten, im Park oder unter einer Brücke – in der Regel, bis der Winter kommt, die Minusgrade.

Dann wird es im Kölner Johanneshaus sehr wahrscheinlich, dass alle 22 Notaufnahme-Betten belegt sind. Und wenn das passiert, fängt Nisius an, die Nachzügler oder „Übriggebliebenen des Hilfesystems“, wie der Sozialpädagoge sie nennt, im Wohnheim auf der anderen Seite des Innenhofs unterzubringen. In dem grau verputzten Backsteinbau, der auch zum Johanneshaus gehört, wohnen 90 Wohnungslose in Mehrbettzimmern. „Die leben da schon seit Jahren“, erzählt Nisius, „weil sie woanders keine Bleibe finden.“

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