Einkaufen Tokio
Im Tarnschuh durch Shibuya

Im Drei-Minuten-Takt scheint die Dogenzaka einer Schlachtordnung zu gleichen. Zu beiden Seiten der Straße vor dem gewaltigen Modehaus Shibuya 109 ist’s, als ob sich Hundertschaften junger Japanerinnen belauern, jederzeit sprung- und angriffsbereit, um mit ihren schicken Einkaufstüten aufeinander einzurascheln.

So scheint’s zum Glück nur. Natürlich sind es die Ampelphasen an der Straße, welche die einen schubartig dem Kaufhaus zuführen und die anderen in die gegenüberliegenden Konsumkathedralen des Modeviertels drücken. Durchschnittsalter: ca. 17 Jahre. Geschlecht: meist weiblich.

Für Jung-Japanerinnen ist das Shibuya-Viertel westlich der Tokioter Innenstadt ein geradezu obsessiver Wallfahrtsort. Zum Einkaufsbummel folgt die trendbewusste Girliefraktion einer regelrechten, etwas selbstreferenziellen Kleiderordnung: Um im 109 die Kleiderbügel mit den schicksten Klamotten des Universums durchblättern zu können, muss man sowieso schon aufs Modischste gekleidet und geschminkt sein.

Shopping in Shibuya – das ist eigentlich Clubbing. Eine Einkaufsdisco mit junger Musik und ein bisschen weniger Tanz. Dafür mit jeder Menge Fummelei – an Klamotten.

Sonntag für Sonntag ist Jung-Tokio im Sehen-und-gesehen-Werden des Einkaufsfiebers. Die Trendschnüffler der Welt, heißt es, tummeln sich regelmäßig in den Modebasiliken Shibuyas, um zu erahnen, auf was die Multiplikatorinnen des Knallkonsums in der übernächsten Saison möglicherweise so abfahren. Die gottlob verwehte Torheit, auf Hochplateaus durch die Gegend zu knicken, ist wohl hier entstanden.

Demnächst könnten die 15- bis 18-jährigen Mädchen weltweit in teuer zerrissenen Jeans paradieren, aus deren Hintertaschen blendend weiß Pelziges wackelt, Kaninchenschwänzchen gleich. Vielleicht kommt aber auch der Military-Look mit einer überraschend neuen Angriffswelle: Es gibt im 109 höchsthackige Stöckelschuhe von Flag-J zu bestaunen, die aus dem Tarnanzug eines US-Soldaten gefertigt sein könnten, der im Irak stationiert ist. Dazu trägt das japanische Kampfgirlie gerne ein T-Shirt mit der Provokation: „Can you give me what I want?“

Accessoires sind wichtig; am besten sind sie mit irgendeinem schlohweißen Kunstpelz drapiert, der entfernt daran erinnert, dass es Winter wird. Hüte, wie sie Frank Sinatra trug, scheinen äußerst hip zu sein. Man trägt sie etwas angeschrägt wie einstmals Frankieboy.

Die japanische Modemarke „Samantha Vega“ ist mit gepardgemusterten Botentaschen vertreten; Europas Adidas setzt blinkend-rosa Plastikbehälter dagegen – für Schminksachen sowie für dieses und jenes. Mit den Turnbeuteln aus der Adi-Dassler-Zeit haben die Behälter rein gar nichts mehr gemein.

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