Emder Mordfall: Schwere Vorwürfe gegen das Vorgehen der Polizei

Emder Mordfall
Schwere Vorwürfe gegen das Vorgehen der Polizei

Im Emder Mordfall steht die Polizei wegen Ermittlungspannen in der Kritik. Obwohl der geständige Tatverdächtige sich bereits im November wegen pädophiler Neigungen selbst angezeigt hatte, reagierten die Beamten nicht.
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BerlinIn Emden ist seit dem Mord an Lena am 24. März nichts mehr wie vorher: Die rund 50.000 Einwohner der ostfriesischen Stadt erleben seither ein Wechselbad der Gefühle. Erst der Schock über den Mord an der Elfjährigen, dann die vorläufige Festnahme eines Unschuldigen. Internet-Hetze sowie Rufe nach Lynchjustiz sorgen für Empörung. Der Erleichterung über die Festnahme eines anderen Verdächtigen und dessen Geständnis vergangene Woche folgt schließlich ein bitteres Eingeständnis der Polizeiführung in Osnabrück: Gegen den 18 Jahre alten Verdächtigen wurde schon seit vergangenen November ermittelt - aber die Polizei blieb untätig. Dabei hatte sich der junge Mann selbst als Pädophiler angezeigt.

Bei Experten sorgt das für Kopfschütteln, aus der Politik kommen harte Fragen. Der innenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), forderte am Mittwoch eine genaue Aufklärung der Versäumnisse.

Die Polizei hatte am Dienstag eingeräumt, dass der geständige Tatverdächtige sich im November wegen pädophiler Neigungen selbst angezeigt hatte. Als er mit einem Psychologen zur Selbstanzeige bei der Polizei erschien, hatte er bereits zwei Monate Jugendpsychatrie hinter sich. Er räumte damals ein, ein siebenjähriges Mädchen ausgezogen und fotografiert zu haben. Das alles blieb offenbar folgenlos, ein Durchsuchungsbefehl gegen ihn wurde nicht umgesetzt. „Muss denn erst ein Mord passieren, bevor die Polizei eingreift?“, fragt sich eine Pädagogin aus Emden, die ihren Namen nicht nennen will.

Uhl sagte, der Durchsuchungsbeschluss hätte von der Polizei unverzüglich umgesetzt werden müssen. „Das kinderpornografische Material auf seinem Computer hätte sichergestellt werden müssen. Komplizen und Kontaktpersonen hätten ermittelt werden müssen“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Es muss minutiös aufgeklärt werden, was die Polizei in dem Vierteljahr seit der Selbstanzeige getan hat, oder ob sie geschlampt hat.“

Nach Polizeistandards hätten die Beamten bei der Selbstanzeige des Mannes im November 2011 seine Fingerabdrücke und eine Speichelprobe nehmen müssen. Nur einen Tag später entkommt eine Joggerin in den Emder Wallanlagen einer Vergewaltigung - auch hier verdächtigt jetzt die Polizei den 18-Jährigen, nachdem entsprechende Spuren in seiner Wohnung gefunden wurden. Die Chance, schon früher bei ihm Spuren von diesem Tatort zu finden, wird verpasst - ein bereits genehmigter Durchsuchungsbeschluss bleibt irgendwo liegen.

In der Stadt verfolgen am Mittwoch Schaulustige neue Ermittlungen der Mordkommission. Am Morgen gleiten zwei Taucher ins trübe Wasser der Kanäle in den Wallanlagen, um nach der Tatwaffe zu suchen. Ob es ein Messer ist, verraten die Ermittler nicht, ebenso wenig wie die Todesursache. „Das ist Täterwissen“, sagt Einsatzleiter Martin Lammers. Zu den Ermittlungspannen anderer Kollegen will er nichts sagen.

Der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut sagte am Dienstag im ZDF-„heute journal“, er maße sich nicht an, ein Vorurteil oder Gerücht in die Welt zu setzen. Zunächst gelte es, die Vorgänge gründlich aufzuarbeiten. Dann könnten Konsequenzen gezogen werden.

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