Entstehung eines Shitstorms
Warum die Medien eine Mitschuld haben

Aufgebauscht und angestachelt? Im Interview erklärt Okke Schlüter, Professor an der Hochschule für Medien in Stuttgart, welche Mitschuld Online-Nachrichtenportale an der Entstehung eines Shitstorms haben.
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Herr Schlüter, in zwei, drei Sätzen: Wie entsteht ein Shitstorm?
Ein Shitstorm, also eine sich verstärkende Kommunikationswelle, bei der eine Person, ein Unternehmen oder eine Organisation mit negativem Feedback überhäuft wird, entsteht, wenn sich eine spektakuläre Neuigkeit in Windeseile verbreitet. Dabei spielen meist digitale Medien eine wichtige Rolle.
 
Früher, als noch nicht jeder einen Internetzugang hatte, gab es also keine Shitstorms?
Doch, auch in der analogen Welt gab und gibt es Shitstorms, etwa wenn ein Gerücht in Umlauf gebracht wird oder sich Menschen zu Massenprotesten zusammenfinden. Kennzeichnend für die Entwicklung eines Shitstorms in den digitalen Medien ist aber die kurze Reaktionszeit dort: Durch die Antworten, die in Echtzeit innerhalb weniger Minuten veröffentlicht werden können, schaukelt sich das Ganze noch schneller hoch und erreicht deutlich mehr Menschen.
 
Und irgendwann schalten sich dann die Medien ein und berichten über die neue Empörungswelle im Netz. Stimmt der Eindruck, dass sich die Dinge vor allem dann richtig hochschaukeln, wenn darüber berichtet wird?
Nicht unbedingt. Es gibt auch Shitstorms, bei denen es hoch hergeht, die sich aber allein in den sozialen Netzwerken abspielen, ohne dass „draußen“ darüber berichtet wird. Wenn die Medien ein Thema allerdings aufgreifen, dann kommt es ganz besonders darauf an, in welcher Weise sie es tun.

Das bedeutet?
Die Frage ist, ob das Medium sachlich und ausgewogen berichtet oder selbst zum Beispiel in einem Kommentar Stellung bezieht. Letzteres kann den Shitstorm noch weiter anheizen.
 
Den Medien kommt da also eine besondere Verantwortung zu…
... wenn sie diese annehmen. Die Aufgabe eines seriösen Mediums sollte es sein, das Thema zu versachlichen, gegebenenfalls  sogar vermittelnd zwischen den Kontrahenten aufzutreten. Darin sehe ich eine große Chance für alle Medien, denn sie können sich auf diese Weise Autorität und eine gute Reputation erwerben.
 
Dieses Ziel haben aber sicher nicht alle.
Nein, bestimmt nicht. Mit so mancher boulevardesken Überschrift heizen Redakteure die Diskussion nochmal kräftig an – und zwar völlig bewusst. Das hängt vom Selbstverständnis des jeweiligen Mediums ab: Sieht man sich als einen Dienstleister, der primär unterhalten oder schockieren möchte? Oder beinhaltet das journalistische Selbstverständnis auch eine medienethische Dimension? Es ist auffallend, dass im digitalen Raum ausgetragene Kontroversen häufig eine Emotionalität und Tragweite bekommen, die dem Anlass gar nicht mehr angemessen erscheinen. Hier müssen wir uns auch als Gesellschaft fragen, welche Medienkultur wir pflegen wollen. Etwas mehr Sachlichkeit und Gelassenheit würde da aktuell gut tun. Nichtsdestotrotz bleibt es eine unverzichtbare Aufgabe der Medien, auch Missstände aufzudecken und darüber zu berichten. Dies ist ein gesellschaftlicher Wert, den wir pflegen sollten – und finanzieren!

Prof. Dr. Okke Schlüter lehrt im Studiengang „Mediapublishing“ an der Hochschule für Medien in Stuttgart.

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin
Tina Halberschmidt
Handelsblatt / Teamleiterin und Redakteurin Social Media

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