Erdbeben in China
„Ich habe aufgehört, die Opfer zu zählen“

Das schwerste Erdbeben in China seit 30 Jahren forderte Tausende von Opfern. Der kleine Kreis Beichuan, 40 Kilometer von der Sieben-Millionen-Stadt Mianyang entfernt, ist am stärksten betroffen. Für die Rettungskräfte ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Ein Ortsbesuch im Zentrum der Katastrophe.

MIANYANG. Längst haben sich ihre Tränen mit dem Dauerregen vermischt. Du Xiao wartet schon lange vor dem kleinen Operationszelt, das vor dem großen Zentralkrankenhaus in Mianyang aufgebaut worden ist. Die Chinesin wischt sich kurz mit der Hand über das feuchte Gesicht, streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Mein Kind liegt da drinnen“, sagt sie und zeigt auf das blaue Zelt, in dem Ärzte mit weißem Mundschutz die Patienten versorgen. „Wo mein Mann und meine Eltern sind, weiß ich nicht“, schluchzt Frau Du, die selbst ein großes Pflaster auf der Stirn hat.

Die Spuren des Erdbebens, das am Montag Westchina mit voller Härte heimgesucht hat, sind hier nicht zu übersehen. Überall Patienten. In den Zelten, draußen im Dauerregen. Und auf dem Fußboden in der großen Eingangshalle des Krankenhauses, das nur noch zum Teil benutzt werden kann. „Wir haben Risse in den Wänden, können deshalb drinnen nicht mehr operieren“, erklärt ein Arzt. Dann verschwindet er in eines der provisorischen Operationszelte.

Die Verletzten im Krankenhaus von Mianyang gehören zu den Opfern, die Chinas schwerstes Erdbeben seit 30 Jahren gefordert hat. Sie stammen alle aus dem kleinen Kreis Beichuan, der 40 Kilometer von der Sieben-Millionen-Stadt Mianyang entfernt liegt. Das Gebiet ist am stärksten betroffen, dort wurden 5 000 Menschen getötet und Zehntausende verletzt. Und jede Stunde erhöhen sich diese Zahlen.

„Es kommen ständig mehr“, sagt Doktorin Li. Die Ärztin mit dem schmalen Gesicht hat ihre Haare unter einer grünen Haube verborgen und wartet mit anderen Ärzten und Pflegern am Eingang auf neue Verletzte aus dem Katastrophengebiet. Die Ringe unter ihren Augen verraten, dass sie schon mehr als 30 Stunden im Einsatz ist. „Ohne eine Pause“, sagt sie. Bei wie vielen Operationen sie seit dem Beben dabei war? „Ich habe aufgehört zu zählen.“

Und schon kommt ihr nächster Einsatz: Eine vor Schmerzen stöhnende Bäuerin wird vom Beifahrersitz eines Taxis gehoben. Andere werden aus klapprigen Bussen geladen, mit Gemüsekarren oder auf alten Holztüren ins Krankenhaus gebracht.

Mianyang ist im Ausnahmezustand. Die Menschen trauen sich nicht mehr in ihre Häuser. Sie campieren entlang der großen Straßen, in Parks und den Plätzen. In ihren selbst gezimmerten Zelten harren sie aus. „Wir werden wohl noch drei Nächte im Freien schlafen“, sagt ein Mann und blickt unter seiner Plane hinaus in den Regen. In Gruppen sitzen einige Menschen beisammen, spielen Karten oder Mah Jong. Frau Liu ist Rentnerin und findet es vollkommen in Ordnung, dass sie sich ihre Zelte selbst organisiert haben. „Hilfe brauchen erst mal die Verletzten“, sagt sie.

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