Erdbeben in der Türkei
"Es ist ein riesiges Desaster"

Nach einem schweren Erdbeben in der Ost-Türkei melden die Behörden inzwischen mehr als 200 Tote. Experten befürchten, die Anzahl der Toten könnte auf über 1000 steigen. Berlin stellt schnelle Hilfe in Aussicht.
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Istanbul/Ankara/BerlinDie Zahl der Todesopfer des schweren Erdbebens im Südosten der Türkei ist auf über 200 gestiegen. Zudem wurden bislang mehr als 1000 Verletzte gezählt, wie das Innenministerium in Istanbul am Montag mitteilte.

Der Erdstoß der Stärke 7,2 hatte am Sonntag die Provinz Van erschüttert. Experten schätzten, dass die Opferzahl auf bis zu 1000 Tote steigen könnte. Zahlreiche Menschen wurden verschüttet.

Am stärksten betroffen war der Distrikt Ercis. Dort und in Van stürzten dutzende Hochhäuser ein. Die Stromversorgung brach zusammen. Aus Angst vor Nachbeben verbrachten viele Bewohner die Nacht bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt im Freien. Aus der gesamten Türkei wurden Such- und Rettungstrupps in die Katastrophenregion entsandt. Deutschland und andere Staaten boten Hilfe bei den Rettungsarbeiten an.

Das Zentrum des Bebens lag unter dem Dorf Tabanli in der Provinz Van. Die schwersten Schäden gab es in der Stadt Ercis, wo nach Regierungsangaben bis zu 80 Gebäude einstürzten. Bis zum Abend wurden dort 50 Leichen gefunden. Das staatliche Krankenhaus der Stadt berichtete, es seien etwa 1000 Verletzte in die Klinik
gebracht worden. Einwohner klagten, dass die Regierung nicht schnell genug helfe. In der Provinzhauptstadt Van hielten etwa 10 Gebäude der Gewalt des Bebens nicht stand. Dort stützte auch ein siebenstöckiges Haus ein.

Veysel Keser, Bürgermeister aus der Unglücksregion Celebibag berichtete am Sonntag nachmittag: “Es ist ein großes Desaster. Viele Gebäude sind eingestürzt, viele Menschen wurden getötet, aber wir kennen die genaue Zahl nicht.“ Die Menschen würden Todesqualen erleiden, sagte Keser, "wir können ihre Hilfeschreie hören."

Es würden Rettungsteams und Zelte benötigt, sagte Zulfukar Arapoglu, Bürgermeister des schwer getroffenen Bezirks Ercis, dem Nachrichtensender NTV. „Wir warten auf Hilfe, es ist dringend,“ Vor Ort gebe nur ein Krankenhaus. Ercis ist eine Kreisstadt in der Provinz Van mit mehr als 70.000 Einwohnern.

Anwohner gruben am Sonntag mit Schaufeln und Händen nach Überlebenden. Der Krisenstab der Regierung erklärte, aus dem ganzen Land würden 500 Rettungshelfer und Notärzte in die Provinz Van geflogen. TV-Sender zeigten Bilder von Menschen, die in Panik auf die Straßen gerannt waren. Auf Bildern von
Überwachungskameras waren Bürogebäude zu sehen, in denen Möbel übereinander stürzten. Es gab mehrere Nachbeben. Für die Nacht zum Montag wurden Minustemperaturen erwartet.

Die Türkei wird immer wieder von heftigen Erdbeben heimgesucht. In der Provinz Van gab es 1976 ein Erdbeben mit fast 4000 Toten. Das Land lebt in ständiger Angst vor neuen Erdstößen durch die Reibung tektonischer Platten in der Erdkruste. Rund 92 Prozent des Landes liegen auf Erdbebengürteln. Etwa 95 Prozent
der Türken leben auf unsicherem Grund, auf dem auch 98 Prozent der Industrieanlagen sowie die wichtigsten Staudämme und Kraftwerke stehen.

„Deutschland steht der Türkei in dieser schweren Stunde bei“, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Sonntag in Berlin. Westerwelle sprach der türkischen Regierung, dem türkischen Volk und den Menschen in der betroffenen Region „aufrichtige Anteilnahme“ aus. Für schnelle und unbürokratische Hilfe sprachen sich auch die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir aus.

Das Erdbeben war auch im Nachbarland Armenien spürbar. In der Hauptstadt Eriwan seien tausende Menschen aus Angst vor einstürzenden Häusern ins Freie geflüchtet, berichteten örtliche Medien. Präsident Sersch Sargsjan erklärte, er wolle an einem für diesen Montag geplanten Staatsbesuch in Russland festhalten. Im Dezember 1988 waren bei einem Erdbeben der Stärke 6,8 im Norden von Armenien mehr als 20.000 Menschen ums Leben gekommen.

Agentur
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DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur
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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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