Erdbeben in Mexiko
„Sie leben, sie sind am Leben“

Die Zahl der Toten nach dem Erdbeben in Mexiko ist auf mehr als 240 angestiegen. Doch immer wieder werden Überlebende geborgen. Eine Frage drängt sich auf: Warum sind in Mexiko-Stadt so viele Gebäude eingestürzt?
  • 0

Mexiko-StadtAls sich Tag eins nach dem schweren Beben in Mexiko-Stadt dem Ende neigt, keimt an einem der dramatischsten Orte noch einmal Hoffnung auf. Experten haben in den Trümmern der Grundschule „Enrique Rebsamen“ im Stadtteil Coapa im Süden der Metropole fünf Überlebende ausgemacht. Gegen 20 Uhr am Mittwochabend schlug ein Spezialgerät der Marine zur Messung von Körpertemperatur und Herzschlägen an. Enrique Gardía, ein freiwilliger Helfer des Zivilschutzes, brach fast in Tränen aus, als er rief: „Sie leben, sie sind am Leben.“

Den ganzen Tag über hatten Hunderte Soldaten und Bergungsexperten gegen die Uhr gekämpft, um noch Schüler oder Lehrer lebend zu bergen. Die Grundschule ist sicher der Ort des größten Leids nach dem Beben, das am Dienstag die Hauptstadt und die angrenzenden Bundesstaaten Morelos und Puebla erschüttert hat. 243 Menschen kamen nach neuesten Angabe des Zivilschutzes ums Leben, 108 alleine davon in Mexiko-Stadt. Und gut ein Fünftel der Opfer ist in der Grundschule im Stadtteil Coapa zu beklagen.

Bis zum späten Mittwochabend wurden 23 Nachbeben gemessen, wie das Seismologische Institut mitteilte. Die Experten gingen aber nicht davon aus, dass es noch zu schweren Nachbeben kommen werde. Präsident Enrique Peña Nieto wandte sich in einer landesweit übertragenen Rede an die Bevölkerung und nannte erstmals eine Zahl der Geretteten: Demnach konnten 50 Menschen in ganz Mexiko heil aus den Trümmern geborgen werden.

Der Mittwoch war in weiten Teilen der mexikanischen Hauptstadt ein Tag im Ausnahmezustand. In den Stadteilen Roma, Condesa, Coapa, Doctores und Del Valle suchten professionelle Retter und die hilfsbereite Bevölkerung mit großem Enthusiasmus nach Überlebenden. Menschen schleppten Säcke voller Medikamente, Batterien und Wasser zu den zahlreichen Sammelstellen. Junge und Alte hatten sich mit einem Helm und einer Spitzhacke bewehrt und boten sich an, in den 38 eingestürzten Gebäuden in Mexiko-Stadt nach Lebenden zu suchen: Immer wenn ein Überlebender geborgen wurde, klatschten Anwohner und Helfer Beifall, viele weinten oder stimmten die mexikanische Nationalhymne an.

„Die Solidarität ist das Beste, was wir Mexikaner haben“, sagte Roberto García, ein Student, der in Condesa Brote für die Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleute und professionellen Helfer schmierte. Ricardo Cayuela schrieb in den sozialen Netzwerken: „Mein Gebäude ist beschädigt, meine Familie zerstreut und erschrocken, aber ich sehe die Energie der Menschen und weiß, dass wir unschlagbar sind. Ein Hoch auf Mexiko.“

Präsident Peña Nieto sagte in seiner Rede, in 95 Prozent der Haushalte der Hauptstadt sei die Stromversorgung wieder hergestellt. Gleichzeitig dankte der Staatschef den internationalen Helfern für ihren Einsatz. Am Donnerstag sollten Rettungsteams aus Deutschland, Japan und Venezuela eintreffen, um noch Überlebende zu suchen. Auch die USA wollten Rettungsspezialisten senden. US-Präsident Donald Trump hatte am Mittwochvormittag mit Präsident Peña Nieto telefoniert und rasche Hilfe zugesagt.

Unterdessen begann auch die Ursachenforschung, warum in der Hauptstadt so viele Gebäude eingestürzt sind. Nach dem verheerenden Beben von 1985, bei dem 10.000 Menschen ums Leben kamen, waren die Bauvorschriften verschärft worden.

Damals wurde bei Neubauten die Zahl der Stockwerke reduziert, und Sicherheitsexperten mussten die Bebenresistenz der Konstruktionen zertifizieren. Im Laufe der Jahre allerdings wurden die Vorschriften gelockert oder einfach ignoriert, weil immer mehr Menschen in die Stadt drängten und oft ohne die entsprechende Erlaubnis gebaut wurde. Mehrere Gebäude mussten wieder abgerissen werden, weil sie nicht erdbebensicher waren.

Nach Angaben der Stadtregierung trugen bei dem Beben der Stärke 7,1 am Dienstag mindestens 1500 Gebäude in der Hauptstadt Schäden irgendeiner Art davon – von bröckelnder Fassade bis zu tiefen Rissen in der Substanz. Und es wird Monate dauern, bis alle beschädigten Gebäude in Mexiko-Stadt überprüft sind und noch länger, bis die unbewohnbaren abgerissen werden.

Wenn sie dann dieses Mal wirklich abgerissen werden: Nach dem Beben von 1985 waren viele schadhafte Häuser wegen fehlendem Know-hows oder aus Kostengründen einfach stehen gelassen worden. Diese fielen jetzt fast alle in sich zusammen.

Klaus Ehringfeld
Klaus Ehringfeld
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Erdbeben in Mexiko: „Sie leben, sie sind am Leben“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%