Ermittlungen auch im Umfeld: Eltern ließen kleine Jessica qualvoll verhungern

Ermittlungen auch im Umfeld
Eltern ließen kleine Jessica qualvoll verhungern

Dem Elternpaar, das seine siebenjährige Tochter qualvoll verhungern ließ, drohen hohe Haftstrafen ohne Bewährung von bis zu 15 Jahren. Wegen Fluchtgefahr bleibt das Paar in Untersuchungshaft. Ihre Tochter hatten die Eltern wie eine Gefangene in einem völlig dunklen und ungeheizten Zimmer gehalten.

HB HAMBURG. Gegen die 35-jährige Mutter und den 49-jährigen Vater der toten Jessica erging bereits am Mittwoch Haftbefehl wegen „gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassen“, sagte eine Gerichtssprecherin am Donnerstag. Sie hätten das Kind in einem völlig dunklen, ungeheizten Zimmer einer Hochhauswohnung wie eine Gefangene gehalten, bestätigte eine Polizeisprecherin. Außerdem bekam das Mädchen offenbar seit längerer Zeit kaum noch etwas zu essen, so wenig, dass es aus Verzweiflung die eigenen Haare geschluckt habe, wie die Obduktion ergab. Die Siebenjährige wog zuletzt nur noch 9,5 Kilo - so viel wie normalerweise ein einjähriges Kind. Die Katze der Familie sei dagegen wohl genährt gewesen, hieß es in Zeitungsberichten.

Warum die arbeitslosen Eltern ihr Kind so qualvoll sterben ließen, war bei der Polizei noch nicht zu erfahren. Erste Vernehmungen hätten ergeben, dass sie angeblich gar nicht bemerkt haben wollten, wie kritisch der Zustand des Mädchens war. Es werde weiter ermittelt, auch im Umfeld der Familie sowie bei Nachbarn und Verwandten. Sollten sich dabei Anhaltspunkte ergeben, dass es auch Fehler bei den Behörden gegeben habe, werde es möglicherweise auch in diesem Bereich Ermittlungen geben, sagte ein Polizeisprecher.

Die Mutter der schulpflichtigen Jessica war im August 2004 der Aufforderung nicht nachgekommen, das Mädchen einzuschulen. Mitarbeiter der Problemfall-Abteilung REBUS, die vor Ort Kontakt zu den Eltern aufnehmen sollten, hätten dort niemanden angetroffen. Daraufhin war ein Bußgeldverfahren wegen Schulpflichtverletzung eingeleitet worden.

Oppositionspolitiker erneuerten am Donnerstag ihre Vorwürfe an Behörde und Mitglieder des CDU-Senats. „Ich bin irritiert von Aussagen aus der Schulbehörde, dass sie keine Schuld treffe“, sagte die Fraktionschefin der Grün-Alternativen Liste (GAL), Christa Goetsch. Die SPD-Politikerin Britta Ernst forderte Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (parteilos) erneut auf, endlich persönlich Stellung zu nehmen.

„Es zeigt sich immer mehr, dass auch die Behörden versagt haben“, meinte Ernst. Tatsache sei, „dass die Schulpflicht nicht durchgesetzt wurde“. Eigentlich greife die Polizei relativ schnell ein, wenn Kinder nicht zur Schule kommen, „egal, ob sie schon in der dritten Klasse sind oder erst eingeschult werden“. Behördensprecher Alexander Luckow erklärte dazu: „Wir müssen sicher stellen, dass bei Schulpflichtverletzung - und spätestens dann, wenn ein Bußgeldverfahren eingeleitet wird - Schulbehörde und Jugendhilfe besser zusammenwirken.“

Der Hungertod der Siebenjährigen und ihr vorhergehendes Martyrium ist für den Kriminologen Christian Pfeiffer ein „absonderliches Verbrechen. Es gibt kaum seinesgleichen in Deutschland“, sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen der dpa. Es gebe in diesem Fall keine Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Kindestötungen. Vor allem rage die „emotionale Kälte der Eltern“ heraus.

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