Ermittlungen eingestellt: Rätsel um Massengrab wird wohl nie gelöst

Ermittlungen eingestellt
Rätsel um Massengrab wird wohl nie gelöst

In Kassel hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu einem Massengrab nahe der Universität eingestellt. Damit dürfte das Rätsel um die mehr als 60 menschlichen Skelette wohl nie restlos geklärt werden. Nächste Woche sollen die Gebeine auf dem Kasseler Hauptfriedhof begraben werden.

HB KASSEL. Das Rätsel um die mysteriösen Skelette aus der Kasseler Innenstadt wird möglicherweise nie restlos geklärt. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen zu den in einer Baugrube gefundenen Überresten von mehr als 60 Menschen am Montag offiziell eingestellt. „Es ist jetzt klar, dass es sich um keine Opfer des Nationalsozialismus handelt, und ein Verbrechen der letzten 50 Jahre können wir auch ausschließen“, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung. Für die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft ist damit der Fall abgeschlossen.

Am Montag wurden die Knochen von Polizeischülern für die Überführung zum Kasseler Hauptfriedhof verpackt. Mehr als zwei Dutzend Kisten - Umzugskartons aus dem Baumarkt - stapelten sie aufeinander, dazwischen lagen noch immer etliche der halb ausgegrabenen Schädeln. „Für uns ist die Sache abgeschlossen. Das hier machen wir nur noch als Amtshilfe“, sagt Dirk Kleinhans. Dem Ermittler der Kriminalpolizei ist aber anzusehen, dass ihn der Tag nach zwei Wochen der intensiven Nachforschungen bewegt. „Wir haben genug aktuelle Arbeit. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die Typhus-Theorie stimmt.“

Diese Variante ist nur eine von einem halben Dutzend Theorien - wenn auch die wahrscheinlichste. Unmittelbar nach der Entdeckung, da war von zwei Skeletten die Rede, dachte mancher vielleicht noch an ein Verbrechen. Als dann immer mehr Gebeine gefunden wurden, kam nur noch ein politisches Verbrechen in Betracht. Zwangsarbeiter von Henschel, die während des Krieges starben oder erschossen wurden, mutmaßten viele. Oder Opfer des Bombenkrieges, eilig beigesetzt. Doch Historiker widersprachen: Sowohl Zwangsarbeiter wie Bombenopfer wurden ordentlich auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. „Wilde Bestattungen gab es nicht einmal im Krieg“, sagte ein Historiker.

Weitere Theorien reichten von der Spanischen Grippe 1918 bis zum Siebenjährigen Krieg 1762. Jede Variante war stimmig, aber jede hatte auch mindestens einen Schönheitsfehler. Klarheit sollte der Rechtsmediziner Marcel Verhoff bringen. Der Experte untersuchte 35 Skelette. Ergebnis: Sie stammen aus einer Zeit deutlich vor dem Zweiten Weltkrieg, Kinder waren nicht unter den Toten und nur drei Frauen.

Damit ist für die meisten die „Typhus-Theorie“ untermauert. Alte Quellen berichten, dass 1814 - ein Jahr nach nach der Völkerschlacht bei Leipzig und ein Jahr vor Waterloo - Truppen aus aller Herren Länder auch durch Kassel zogen und ein besonders bösartiger Typhusvirus in „Cassel“ wütete. Aus keinem Gebäude seien „so viele Seelen in das Jenseits hinübergegangen“ wie aus dem „Militärlazareth“ - eben etwa dort, wo jetzt die Skelette gefunden wurden. Bestattet wurden „die Todten“ „ohne die geringste Bekleidung“, was erklären könnte, warum weder Schmuck noch Kleiderreste gefunden wurden.

„Damit ist die Sache für uns abgeschlossen“, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Auch die Universität, auf deren Gelände die Skelette gefunden wurden, will nicht nachforschen. Nächste Woche sollen die Gebeine feierlich auf dem Kasseler Hauptfriedhof begraben werden - und mit ihnen vielleicht die Lösung des Rätsels. Denn auch die Typhus-Theorie hat ihre Schwachstelle: die unmittelbar am Gräberfeld entlangfließende Ahne. Es war sicher nicht üblich, die von einem „bösartiger Typhus hinweggerafften“ Toten direkt an einem Trinkwasser spendenden Flüsschen zu vergraben.

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