Erneut „Maxim"-Reisen beteiligt
Unglücksbus fuhr viel zu schnell

Zweite Bus-Tragödie binnen weniger Tage: Zu hohe Geschwindigkeit und Sicherheitsmängel sollen die Ursache für das Busunglück bei Lyon mit 28 Toten sein. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) brachte „menschliches Versagen“ als möglichen Grund ins Spiel.

HB/dpa LYON. Der ebenfalls getötete Busfahrer soll erst kurz vor dem Unfall am Samstag das Steuer übernommen haben. Er galt als sehr erfahren. Der Autobahnabschnitt bei Lyon wird seit einem verheerenden Unglück im Jahr 1982 als „Todesroute für Busse“ bezeichnet.

Wie bereits bei dem Unfall am Plattensee in Ungarn am 8. Mai mit 33 Toten war auch diesmal der Reiseveranstalter Maxim beteiligt. Bei der Fahrt mit Ziel Spanien waren wieder Gewinnspielteilnehmer unter den Verunglückten. Der vollbesetzte Doppeldecker war ins Schleudern geraten, eine Böschung hinabgestürzt und auf dem Dach gelandet. 45 Menschen wurden verletzt, 20 reisefähige Patienten verließen am Sonntag das Krankenhaus. Einige Überlebende sollten am Abend abgeschirmt von der Öffentlichkeit in Düsseldorf landen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach den Angehörigen sein „tief empfundenes Beileid“ aus. Auch der französische Präsident Jacques Chirac kondolierte. Bei einem Besuch der Überlebenden sagte Stolpe, das Unglück sei möglicherweise durch menschliches Versagen verursacht worden. Er kündigte an, das Thema Verkehrssicherheit auf die politische Tagesordnung zu setzen. Verbände und Experten forderten kürzere Lenkzeiten in der EU.

Der Fahrer des Reisebusses sei zum Zeitpunkt des Unglücks mit 117 Stundenkilometern auf der regennassen Autobahn gefahren, meldete der französische Sender France Info. Erlaubt seien in einem solchen Fall 90 Stundenkilometer. Es war der schwerste Busunfall in Frankreich seit etwa zehn Jahren. Nur wenige Stunden nach der Tragödie trafen die ersten Angehörigen in der französischen Stadt ein. Die Leichen sind in einer Sporthalle in Limonest nördlich von Lyon aufgebahrt, wo provisorisch eine Kapelle eingerichtet wurde. Dort können Familienmitglieder, abgeschirmt von den Medien, Abschied nehmen.

Unter den Todesopfern sollen nach Behördenangaben mindestens sieben Menschen aus Schleswig-Holstein, zwei aus Niedersachsen und zwei aus Nordrhein-Westfalen sein. Die Leiche des 52 Jahre alten Fahrers aus dem niedersächsischen Steinhude soll obduziert werden. In dem Unglücksbus war noch ein weiterer Chauffeur.

Die französische Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung zur genauen Klärung der Unfallursache ein. Sie vermutet, dass überhöhte Geschwindigkeit der Grund für die Tragödie war. An der Unfallstelle wurden nach Justizangaben keinerlei Rutsch- oder Bremsspuren gefunden. Das Wrack soll von einem Experten untersucht werden.

Das Bundeskriminalamt (BKA) entsandte vier Beamte, um die französische Polizei bei der Identifizierung der Opfer zu unterstützen. Auch einen Tag nach dem Unglück war die Identifizierung noch nicht abgeschlossen. Es gibt keine vollständigen Teilnehmerlisten.

Der Unglücksbus der Firma Tiger-Reisen aus Wunstorf bei Hannover hatte Fahrgäste aus Flensburg, Kiel, Neumünster, Hamburg, Bremen, Oldenburg, Vechta, Osnabrück, Essen, Köln/Bonn und Wittlich (Rheinland-Pfalz) an Bord. 23 Fahrgäste kamen nach Angaben des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann (CDU) aus Niedersachsen, rund 50 aus Schleswig-Holstein und Nordrhein- Westfalen.

Erneut sei der Reiseveranstalter Maxim aus dem niedersächsischen Emstek (bei Cloppenburg) betroffen, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) am Sonntag. Das Unternehmen war auch Veranstalter der Ungarn-Reise. Maxim habe mehrere Plätze in dem Unglücksbus gebucht. Die anderen Sitze hatten vier weitere Veranstalter belegt.

Die in Lyon lebende Pastorin Horsta Krum sagte, dass viele der zumeist älteren Fahrgäste, darunter auch Russlanddeutsche, nur schlecht Deutsch sprächen. Die Pastorin war vom deutschen Konsulat gebeten worden, die Verletzten zu betreuen.

Französische Medien berichteten, dass der etwa zwölf Jahre alte Bus nicht mit den heute üblichen Sicherheitseinrichtungen ausgerüstet gewesen sei. Zwar habe er über das Bremssystem ABS verfügt, was normalerweise ein Ausbrechen des Fahrzeugs auf nasser oder rutschiger Straße verhindern soll. Die in dem Bus eingebaute Version sei aber veraltet gewesen. Auch habe das Dach des Busses den heutigen Anforderungen nicht entsprochen.

Retter äußerten sich erschüttert über das Ausmaß der Katastrophe. „Es war entsetzlich. Die Sitze des Busses wurden durch den Aufprall zusammengequetscht und die Fahrgäste dazwischen erdrückt oder eingezwängt“, berichtete ein Augenzeuge. Er hatte wenige Minuten nach dem Unfall Erste Hilfe geleistet.

Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer werden Reisebusse in Deutschland in der Regel alle vier Jahre komplett ausgetauscht. Zudem verfüge jeder moderne Reisebus über einen Tempomaten, der die Geschwindigkeit auf Tempo 100 begrenzt. Der ADAC sieht trotz der zwei schweren Unfälle keinen Grund zur Panik. „Busse sind an sich sehr sichere Verkehrsmittel“, sagte ein Experte.

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