Erneut spektakulärer Kunstdiebstahl
Bilder verschwinden Richtung Goldküste

Nach dem zweiten Kunstraub binnen kürzester Zeit, werden in der Schweiz Fragen bezüglich der Sicherheitsmaßnahmen laut. Während mancher Bürger um die nationalen Goldreserven fürchtet, werden immer mehr Details des spektakulären Beutezugs bekannt.

GENF/ZÜRICH. Die Schweizer sind nach dem zweiten Kunstraub innerhalb weniger Tage erschüttert: „Ich hoffe“, sagt ein Zürcher, der kopfschüttelnd vor der prächtigen Villa der Sammlung Bührle in der Schweizer Metropole stehengeblieben ist, „unsere Nationalbank sichert ihr Gold nicht so dermaßen dilettantisch wie wir unsere Museen.“

Die Villa selbst ist abgeriegelt. Absperrbänder aus Plastik sollen Neugierige fernhalten, die den Tatort eines der größten Kunst-Raubzüge der vergangenen Jahrzehnte anschauen wollen: Diebe haben hier am Sonntag vier weltbekannte Gemälde im Wert von 180 Mill. Franken (gut 110 Mill. Euro) gestohlen. In die Hände der Kriminellen fielen Werke von Cézanne, Degas, van Gogh und Monet. Der dreiste Coup reiht sich nahtlos in eine Serie spektakulärer Überfälle auf Kunsteinrichtungen im Raum Zürich ein. Erst in der vergangenen Woche waren im benachbarten Pfäffikon Picasso-Gemälde gestohlen worden, die das hannoversche Sprengel-Museum dorthin verliehen hatte.

Am Sonntag schlugen die Täter kurz vor 16.30 Uhr zu. Die Beschreibung durch die Ermittler liest sich so: „Die drei Täter von normaler Statur (175 cm) trugen dunkle Kleider und waren mit dunklen Sturmhauben mit Sehschlitzen maskiert.“ Laut Fahndungsaufruf sprach ein Räuber Deutsch mit slawischem Akzent. Einer der Ganoven bedrohte die Personen im Eingangsbereich mit einer Faustfeuerwaffe. Die anderen Täter drangen derweil in einen Ausstellungsraum im Erdgeschoss ein. Dort ließen sie vier Gemälde mitgehen, die nach Auskunft des Museums wegen ihrer Bekanntheit auf dem freien Markt praktisch unverkäuflich sind. Es handelt sich um das Ölgemälde „Mohnfeld bei Vétheuil" von Claude Monet um 1879; das Ölgemälde „Ludovic Lepic und seine Tochter“ von Edgar Degas, 1871; das Ölgemälde „Blühende Kastanienzweige“ von Vincent van Gogh, 1890. Schließlich verschwand auch das Ölgemälde „Der Knabe mit der roten Weste“ von Paul Cézanne, entstanden um 1888. Alle vier Bilder haben Abmessungen von weniger als einem Meter in Breite und Höhe: Die Diebe konnten ihre Beute deswegen ohne Anstrengung in ein vor dem Museum wartendes weißes Fahrzeug laden. Sie flüchteten in Richtung des Nachbarorts Zollikon oberhalb der Zürcher „Goldküste“, die wegen ihrer hohen Millionärsdichte so genannt wird. Die ganze Aktion dauerte drei Minuten.

Die Beute gehört zur Sammlung des Schweizer Millionärs E.G. Bührle, von der Teile demnächst an das Zürcher Kunsthaus verliehen werden sollten. Der Maschinen- und Rüstungsindustrielle Emil Bührle hatte die meisten der rund 200 Objekte in den 50er-Jahren gekauft und sie zu einer der bedeutendsten europäischen Kollektionen vereinigt.

Nach dem zweiten Raub in Zürich innerhalb weniger Tage müssen sich alle Museen Fragen zur Sicherheit gefallen lassen. Entwickelt sich die Schweiz zu einem Zentrum der Kunst-Selbstbedienung, lautete gestern in Zürich eine der vielen Vorwürfe auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz der Polizei. Wer sei für die laschen Sicherheitsvorkehrungen verantwortlich?

Angesichts der bisherigen Erfahrungen hätten die Verantwortlichen „nicht mit einem solchen Überfall rechnen“ müssen, entgegnete Polizeisprecher Marco Cortesi. Man könne die Zürcher Tat nur mit dem Jahrhundertraub auf das Munch-Museum in Oslo 2004 vergleichen. Es sei allerdings wohl kein Zufall, fügte Bühle-Sammlungsdirektor Lukas Gloor hinzu, dass der Raubüberfall ein Museum wie das für die Sammlung Bührle getroffen habe: ein kleines Haus in isolierter Lage. Nun aber müsse die Sicherheitslage nicht nur von seinem, sondern auch von anderen, ähnlichen Museen neu beurteilt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%