Erste große Prüfung seit Katrina bestanden
New Orleans - Eine Stadt trainiert das Überleben

New Orleans, Geisterstadt, schon wieder, nach nur drei kurzen Jahren.

NEW ORLEANS. Auf der Bourbonstreet nur ein paar Fernsehreporter, die ihre Aufsager machen. Es gießt aus Kübeln und der Lärm des Regens wird nur von einigen wenigen Generatoren übertönt, die da und dort Leuchtreklamen blinken lassen. Leer auch die Canalstreet an der Grenze zum French Quarter, keine Menschenseele weit und breit. Manche Ampeln springen zwischen Rot und Grün, aber es gibt keine Autos, für die sie nützlich wären. In der Nacht zu Dienstag ist New Orleans so tot, dass man nicht glauben mag, dass diese Stadt wieder auferstehen mag. Nach Katrina macht nun Gustav Amerikas Perle am Atlantik zur schönsten sterbenden Stadt der Erde.

Nur: Diesmal hat der Untergang System. Er ist gut geplant worden und er hat ein Ziel. New Orleans soll endlich das Überleben lernen. Denn noch einmal eine Verheerung wie bei Katrina hält die Stadt nicht aus. Gustav sollte die Probe aufs Exempel sein. Versagen die Stadt und ihre Menschen auch diesmal, dann soll es eben um New Orleans geschehen sein. Von einst 4 50 000 Einwohnern hat die Stadt durch Katrina rund 130 000 verloren. Von einer Großstadt ist New Orleans bereits zu einer nur noch mittelgroßen Stadt geschrumpft. Die nächste Megakatastrophe würde das kreolische Kleinod auf Walt Disney-Niveau reduzieren: Musik, Folklore und Mardi Gras gerade noch für die Touristen. Doch wer einen Funken Ehrgeiz im Leib hat, der würde weggehen aus New Orleans und sein Glück anderswo versuchen. Amerika ist groß, noch immer.

„Noch so ein Desaster wie bei Katrina und ich würde nicht wiederkommen“, sagt der 71-Jährige Tony Russo. Verloren hat er damals alles: Die Einrichtung, Fotos, Bilder, Erinnerungen. 600 000 Dollar hat er in die Renovierung seines schönen Hauses im Lakeview-Distrikt gesteckt, 240 000 davon hat er aus der eigenen Tasche bezahlt, weil seine Versicherung mehr nicht abdecken wollte. „Ich bin zu alt, um das alles noch mal durchzumachen“, sagt Russo. Der gelernte Strafrichter sitzt dabei an seinem Wohnzimmertisch und lässt den Blick durch sein Haus wandern, auf die wunderbare Mahagoni-Treppe, den Marmorboden, das Küchenkarree. Fast alles ist neu, denn fast alles war kaputt nach dem August 2005. „Was das Wasser nicht vernichtet hat, das haben die Plünderer geschnappt“, sagt Russo. Viermal zogen plündernde Trupps durch die Villa, am Ende war das Haus vom Erdgeschoss bis zum zweiten Stock regelrecht entkernt. „Katrina“, sagt Tony Russo, „Katrina war ein Alptraum“. Dann drängen sich Tränen in seine Augen, Tony wendet das Gesicht ab und schluckt.

Der Hurrikan Gustav hat all diese Erinnerungen zurückgebracht. Auch wenn der Hurrikan nach dramatischem Beginn einer launischen Diva gleich New Orleans verschonte. Gustav schwächte sich noch vor der Küste ab und tobte sich mit Windgeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern nördlich, südlich und westlich von New Orleans aus, in Baton Rouge, Lafayette, Morgan City. Dort verwüstet er zwar Straßen, reißt Bäume aus und bläst so manches Auto von der Fahrbahn. Doch auch hier haben sich die Menschen bis auf ein paar Ausnahmen schon längst verzogen. Und haben vorgebaut: Auf einem riesigen Parkplatz bei Beaumont stehen weit über 100 Ambulanzen bereit, Züge sind in sicheren Freidepots geparkt und selbst Benzinkanister gibt es an einer Tankstelle in reicher Zahl. Diesmal, so scheint es, hat Louisiana den Kampf mit dem Hurrikan professionell aufgenommen.

„Gustav war ein guter Hurrikan“, sagt Russo. „Er hat uns getestet und wir haben die Prüfung bestanden“. Die Verwaltung von New Orleans, die Regierung in Washington, die Katastrophenexperten der vor drei Jahren so katastrophalen Behörde Fema, die Menschen der Stadt – alle haben sie dazugelernt. So wenig wie möglich sollte diesmal schiefgehen, bloß nicht noch einmal solche Bilanzen: 1600 Tote, Milliardenschäden, ein Katastrophenschutz, der den Namen nicht verdient, eine inkompetente Politik. Das war das Ergebnis von Katrina.

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