Es droht eine soziale Katastrophe
Reise in das Land der toten Hühner

Nichts kann Somchai beruhigen. Nicht die träge Mittagshitze, das leise Klappern von Geschirr aus der Küche, der milchig-blaue Himmel oder die sich wiegenden Kokospalmen im Dorf Ban Phaeo in der thailändischen Provinz Nakhon. Und erst recht nicht das sanfte Glucken von Hunderten von Kücken.

SUPHAN BURI. „Hier gibt es keine Vogelgrippe“, keift Somchai. „Meine Hühner sind gesund.“ Am liebsten würde der stämmige, untersetzte Mann die neugierigen Fremden gleich wieder vom Hof jagen. Aber dann fischt er doch einen jungen, schwarz-weiß getupften Hahn aus dem Stall, in dem er gerade eine Desinfektionslösung versprüht, und zeigt auf dessen Kamm und Schenkel: „Schauen Sie, keine Spur von Purpur.“

Nach diesem verräterischen Anzeichen für die Vogelgrippe hält Somchai Ausschau, seit sich Anfang Januar Gerüchte vom Ausbruch des Virus in Thailand herumsprachen. Der Bauer hat Angst, bald vor dem Aus zu stehen wie mehr als 8 000 andere Geflügelzüchter, die alle Tiere verloren haben.

Das Risiko ist dem Mann mit der schweren Goldkette um den Hals zu groß geworden. Mit zusammengebundenen Füßen warten neben dem Stall Dutzende Hähnchen auf das Schlachtmesser. Daneben schwimmen bereits Hunderte tote Tiere in roten, wassergefüllten Plastikwannen. „Der Markt ist sowieso tot, keiner isst mehr Hühnerfleisch“, berichtet Somchai. „Ich verkaufe jetzt alle schlachtreifen Hühner unter Wert an einen Großhändler, der sie einfriert.“ Doch bevor er seine Ställe neu besetzt, muss er darauf warten, dass die Behörden seinen Distrikt 80 Kilometer westlich von Bangkok von der Liste der „roten Zonen“ streichen.

Diese färben Thailands Landkarte in den Abendnachrichten immer stärker ein, und bereits eine Autostunde nördlich von Ban Phaeo sind nirgends mehr Hühner zu entdecken. Von der blühenden Geflügelindustrie der Provinz Suphan Buri sind nur Bulldozerspuren, leere Ställe und mit weißem Kalk desinfizierte Erdlöcher übrig, in denen Abertausende Hühner lebendig begraben wurden.

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