Europas Medien zum Hurrikan "Katrina"
„Risse in der US-Gesellschaft“

Vier Tage nach dem Hurrikan „Katrina“ herrscht in New Orleans noch immer das blanke Chaos. Verwesende Leichen liegen in der Straßen, bewaffnete Plünderer demütigen Polizisten in Unterzahl. "Apokalypse" und "Szenen wie im Drittweltland" - die europäische Presse geht mit der US-Regierung hart ins Gericht.

„The Times“ (Großbritannien, London):

„Katrina ist eine Katastrophe in vielerlei Hinsicht. Aber es wäre falsch anzunehmen, dass sich New Orleans davon nicht erholen würde. Der Wille und der Reichtum einer Nation, die sich nach den Anschlägen vom 11. September wieder aufgerappelt hat und die San Francisco wieder im Andreas-Graben aufgebaut hat, stehen außer Frage. In einer Hinsicht ändert sich allerdings das Leben. Die globale Meteorologische Organisation, die unter anderem die Wirbelstürme benennt, streicht den Namen jener Stürme von ihrer im Sechs-Jahre-Turnus aktualisierten Liste, die besonders viele Zerstörungen angerichtet haben. Einen zweiten Wirbelsturm Katrina wird es nicht geben.“

„The Independent“ (Großbritannien, London):

„Die Folgen des Wirbelsturms Katrina bringen ernste Fragen nach der Art der US-Gesellschaft und den Prioritäten mit sich, nach denen die Regierung arbeitet. Ist ein System, in dem gewählte Funktionsträger in der staatlichen Verwaltung so weit verbreitet sind, professionell genug, um mit einer größeren Katastrophe fertig zu werden? Stellt der weit verbreitete Besitz von Waffen in der Bevölkerung nicht ein Hindernis für die Behörden in einer Notsituation dar? Was geschieht in einem Land, das auf privater Krankenversicherung aufbaut, mit den vielen, die nicht versichert sind?

„La Vanguardia“ (Barcelona, Spanien):

„Nicht einmal die reichste Weltmacht hat die kostspielige Spur von Tod und Verwüstung des Hurrikans verhindern können. Allerdings muss man hinzufügen, dass wir heute höchstwahrscheinlich Hunderttausende oder gar Millionen Tote beklagen müssten, wäre dies in Bangladesch, einer Riesenstadt an einer Flussmündung oder in einem dem Meer abgewonnenen Gebiet geschehen wäre. Abgesehen von den vielen Toten, den enormen Schäden und der Dauer und den Kosten des Wiederaufbaus wirft die Tragödie aber auch eine moralische Frage auf: Inwieweit kann eine Regierung die eigenen Bürger zwingen, ihr Leben selbst zu retten?“

„Il Messaggero“ (Rom, Italien):

„Nichts hat die mächtigste Armee der Welt gegen die Gruppe von Selbstmordattentätern tun können, die die Zwillingstürme zum Einsturz brachte und nichts hat jetzt die größte und modernste Technologie der Welt genutzt, um den Hurrikan „Katrina“ davon abzuhalten, eine Katastrophe solchen Ausmaßes anzurichten. Das neue Jahrtausend erschüttert die USA, destabilisiert die tief verwurzelten Sicherheiten und rüttelt an der Basis der kulturellen Identität. (...) Eine Welt, die bis gestern unzerstörbar und unter völliger Kontrolle zu sein schien, verschwindet heute mit rasender Geschwindigkeit und nimmt alle Sicherheiten mit sich.

„La Republica“ (Rom, Italien):

„Wir beobachten derzeit ein amerikanisches Pompeji, das sich selbst überlassen wurde und langsam stirbt. Wie die Lava des Vesuvs hat das Wasser der Sümpfe und des Sees das Becken gefüllt, aus dem es einst hervorging (...), als die Deiche brachen. Und jetzt brennt es, wie auf dem Scheiterhaufen einer barbarischen Beerdigung, inmitten eines mit Wasser gefüllten Sees, denn das Öl und Benzin, das aus den Tanks und Verteilern gespuckt wurde, hat Feuer gefangen. Schlamm, Wasser, Wind und Feuer. (...) Es sind immer die gleichen, die Toten in einer toten Stadt: Alle mit schwarzer Hautfarbe, alle ganz offensichtlich arm, viele von ihnen mit Gewehren und Pistolen bewaffnet, die sie in den großen Kaufhäusern wie Wal-Mart geplündert haben, die diese in den Regalen verkaufen, zwischen Mixern und Haferflocken.“

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